Zwischendrin
In jenem Moment, als der Schmetterling auf ihrem Handgelenk landete, wusste sie noch nicht, dass die Raupe in ihrem Kopf sprechen würde. Aber sie spürte bereits: Heute würde alles anders sein.
Vorwort:
Schön, dass du hier bist.
Diese Geschichte ist für langsame Momente gedacht, für zwischendurch, für danach, für dieses kleine Innehalten, das man sonst gern vergisst.
Wenn sie dir den Alltag ein bisschen verschiebt oder für einen Augenblick stiller macht, hat sie ihren Zweck erfüllt.☺️
Sie hat sich angewöhnt, morgens um sieben die Hängematte zu verlassen. Nicht, weil es eine Regel gibt, in diesem Dorf gibt es keine Regeln außer der einen: sei nackt, sei ehrlich, baue dein Gemüse an. Aber sie ist jemand, der Strukturen braucht, kleine Käfige aus Zeit und Gewohnheit, in denen sie sich sicher fühlt. Also: sieben Uhr. Dann zum Brunnen. Dann ins kalte Wasser des Sees, das ihre Haut zusammenzieht wie eine Erinnerung an alle Winter, die sie je durchlebt hat.
Heute ist es Viertel nach acht, und sie liegt immer noch da.
Die Hängematte schaukelt leicht im Wind, der durch die Pappeln streicht, diese uralten Wächter des Dorfes, die aussehen, als hätten sie schon tausend Leben gesehen und für keines davon Mitgefühl übrig. Sie beobachtet, wie das Licht sich bewegt, es ist nicht einfach hell, es wird, es transformiert sich von Sekunde zu Sekunde, und sie fragt sich, wann sie aufgehört hat, das zu bemerken. Wann wurde das Licht zu etwas, das einfach da ist, statt etwas, das geschieht?
Ein Schmetterling landet auf ihrem Handgelenk.
Zitronengelb mit schwarzen Rändern, als hätte jemand ihn mit einem Pinsel aus Träumen gemalt. Seine Flügel bewegen sich hypnotisch langsam, auf und zu, auf und zu, wie Lungen. Sie hält den Atem an. In diesem Moment existiert nichts außer diesem winzigen Wesen und der Tatsache, dass es sie gewählt hat. Von allen Zweigen, allen Blumen, allen warmen Steinen am Ufer, es wählte ihr Handgelenk.
“Schön, oder?”, sagt eine Stimme in ihrem Kopf.
Sie zuckt zusammen. Der Schmetterling fliegt auf, verschwindet in der flimmernden Morgenluft. Ihr Herz hämmert. Es gibt hier keine Drogen. Es gibt Pilze, ja, aber sie hat seit Wochen keine mehr gegessen. Sie dreht den Kopf.
Auf dem Rand ihrer Hängematte sitzt eine Raupe. Dick, grün, mit kleinen gelben Punkten, die aussehen wie Augen, obwohl sie weiß, dass sie keine sind. Die Raupe bewegt ihren vorderen Teil in ihre Richtung, eine Geste, die erschreckend menschlich wirkt.
“Ich bin’s”, sagt die Stimme wieder. Nicht laut. In ihr. “Die Raupe. Falls du dich das gefragt hast.”
Sie sollte jetzt aufstehen. Sie sollte zu Mika gehen, der am anderen Ende des Dorfes wohnt und der früher Psychiater war, bevor er alles aufgab und hierherkam. Aber sie bleibt liegen. Denn tief in ihr, in einem Winkel, den sie normalerweise mit Routine und Listen und kleinen Pflichten zustopft, wartet sie schon lange darauf, dass etwas Unmögliches passiert.
“Du bist spät dran”, sagt die Raupe. Ihre Stimme klingt alt und jung zugleich, wie Honig und Essig. “Normalerweise bist du um sieben beim Brunnen.”
“Ich weiß”, flüstert sie.
“Und weißt du auch, warum du heute nicht gegangen bist?”
Sie schließt die Augen. Die Sonne wärmt ihre nackten Schultern. Irgendwo lacht jemand, vermutlich Emma, die immer lacht, als wäre das Leben ein einziger privater Witz, den nur sie versteht. Sie hört das Platschen von Wasser, die anderen sind schon im See. Sie sollte auch dort sein. Stattdessen spricht sie mit einer telepathischen Raupe.
“Weil ich müde bin”, sagt sie leise.
“Nein”, sagt die Raupe. “Weil du Angst hast.”
Das Dorf hat keinen Namen. Oder es hat so viele Namen, wie es Bewohner gibt. Manche nennen es “die Lichtung”, andere “das Experiment”, wieder andere einfach “hier”. Sie ist vor acht Monaten angekommen mit einem Rucksack voller Kleidung, die sie nicht mehr braucht, und einem Kopf voller Gedanken, die sie nicht mehr denken wollte.
In der Stadt war sie Grafikdesignerin. Gute Wohnung, gutes Gehalt, guter Freund (ex jetzt). Alles war gut, im Sinne von: es funktionierte. Aber funktionieren ist nicht dasselbe wie leben, und eines Morgens wachte sie auf und wusste: Wenn ich so weitermache, werde ich verschwinden. Nicht sterben, verschwinden. Mich selbst einfach verlieren in all dem Funktionieren.
Hier gibt es zweiunddreißig Menschen. Sie bauen Karotten und Kartoffeln an, Tomaten in Gewächshäusern, die sie aus alten Fenstern zusammengezimmert haben. Sie sammeln Regenwasser. Sie gehen nackt, weil Nacktheit ehrlich ist, weil sie alle Lügen entfernt, die Lügen von Marken, von Status, von “sich etwas vormachen”. Am Anfang war es seltsam. Jetzt ist es normal. Jetzt sieht sie keine Körper mehr, sondern Menschen.
Und jeden Morgen um sieben geht sie zum Brunnen und holt Wasser. Das ist ihre Aufgabe, ihr Beitrag. Es gibt ihr Struktur. Es gibt ihr einen Grund.
“Du versteckst dich”, sagt die Raupe jetzt.
Sie hat sich näher geschoben, sitzt fast auf ihrer Schulter. Sie kann sie spüren, ein winziges Gewicht, leicht wie eine Frage.
“Ich verstecke mich nicht”, sagt sie. “Ich bin hier. Ich bin…ich bin... ehrlich.”
“Ehrlichkeit”, sagt die Raupe und ihr Ton ist jetzt weicher, fast zärtlich, “ist nicht dasselbe wie Wahrheit.”
Sie erinnert sich an den Schmetterling. Wie er da saß auf ihrem Handgelenk, vollkommen vertrauensvoll. Sie hat mal gelesen, dass Schmetterlinge keine Erinnerungen haben an ihre Zeit als Raupe. Im Kokon lösen sie sich auf in eine Art Suppe, eine komplette Auflösung, bevor sie neu entstehen. Totale Transformation. Nichts bleibt übrig vom alten Ich.
“Stimmt das?”, fragt sie die Raupe. “Dass ihr alles vergesst?”
Die Raupe macht ein Geräusch, das wie Lachen klingt, wenn Lachen aus Gedanken bestehen würde. “Vergessen ist das falsche Wort. Wir transzendieren. Das ist etwas anderes.”
“Transzendieren”, wiederholt sie. Das Wort fühlt sich groß an in ihrem Mund.
“Du bist auch in einem Kokon”, sagt die Raupe. “Nur bemerkst du es nicht. Deine Routine ist dein Kokon. Deine Aufgaben, deine festen Zeiten, dein ‘Ich hole um sieben Wasser’, das ist nicht Freiheit. Das ist nur eine bequemere Art von Gefängnis.”
Ihre Hände ballen sich zu Fäusten. “Ich bin hergekommen, um frei zu sein.”
“Nein”, sagt die Raupe sanft. “Du bist hergekommen, um dich sicher zu fühlen. Das ist ein Unterschied.”
Am Nachmittag geht sie doch noch zum See. Alle sind dort, liegen in den Hängematten, die zwischen den Bäumen gespannt sind wie riesige Spinnennetze, oder sie schwimmen, ihre Körper glänzen in der Sonne wie Robben. Sie setzt sich an den Rand, taucht die Füße ins Wasser. Es ist kälter, als sie erwartet hat, obwohl es immer kalt ist. Sie hat es nur vergessen, weil sie immer um sieben kommt, wenn die Morgenkälte in ihr noch steckt.
Mika kommt zu ihr geschwommen. Sein Bart ist nass, Wassertropfen hängen darin wie kleine Kristalle. “Du warst nicht beim Brunnen heute”, sagt er. Keine Anklage. Nur eine Feststellung.
“Nein.”
“Alles in Ordnung?”
Sie nickt. Dann schüttelt sie den Kopf. Dann zuckt sie mit den Schultern. Mika lacht sein tiefes Lachen, das aus dem Bauch kommt. “Das ist die ehrlichste Antwort, die ich seit Wochen gehört habe.”
Er schwimmt davon, lässt sie allein. Das ist das Schöne hier: Niemand bohrt. Niemand will sie reparieren. Sie sind alle Flüchtlinge aus einem Leben, das zu laut war, zu fordernd, zu sehr darauf bedacht, aus ihnen etwas zu machen, das sie nicht sind.
Die Raupe ist immer noch bei ihr. Sie sitzt jetzt auf ihrem Knie, ein grüner Fleck auf ihrer Haut.
“Siehst du Emma?”, sagt die Raupe.
Sie folgt ihrem – was, ihrem Blick? – zu Emma, die in ihrer Hängematte liegt, ein Buch über ihrem Gesicht. Sie bewegt sich nicht. Von hier sieht sie aus wie ein Teil des Waldes selbst, verwachsen mit den Bäumen, mit dem Wind.
“Sie ist seit drei Jahren hier”, sagt die Raupe. “Sie bleibt noch drei Jahre. Dann geht sie zurück. Sie wird ein Restaurant eröffnen. Sie wird erfolgreich sein. Sie wird nie vergessen, wer sie hier war, aber sie wird auch nie versuchen, für immer zu bleiben.”
“Woher weißt du das?”
“Ich weiß vieles”, sagt die Raupe. “Raupen sind sehr weise. Wir müssen weise sein, weil wir so verletzlich sind. Ein Vogel, ein Schuh, ein unachtsamer Moment – und wir sind weg. Also lernen wir, zu sehen.”
Sie taucht ihre Füße tiefer ins Wasser. “Und was siehst du bei mir?”
Die Raupe schweigt lange. So lange, dass sie denkt, sie ist gegangen, hat sie verlassen. Aber dann: “Ich sehe jemanden, der Angst hat zu fliegen, weil sie nicht weiß, ob ihre Flügel tragen. Also bleibt sie am Boden. Sicher. Klein.”
Etwas in ihr reißt. Nicht schmerzhaft, eher wie das Öffnen einer Tür, die zu lange verschlossen war. “Ich kann nicht einfach... ich kann nicht einfach anders sein. So funktioniere ich nicht.”
“Doch”, sagt die Raupe. “Genau so funktionierst du. So funktionieren wir alle. Wir sind nicht festgelegt. Wir sind flüssig. Erinnerst du dich an die Suppe?”
In dieser Nacht kann sie nicht schlafen. Sie liegt in ihrer Hängematte, starrt durch die Blätter zu den Sternen, die zwischen den Zweigen hindurchblinken wie Glühwürmchen, die vergessen haben, dass sie leuchten. Um sie herum schnarchen und atmen die anderen, eine Symphonie menschlicher Unbewusstheit.
Die Raupe ist irgendwo in den Bäumen. Sie spürt sie nicht mehr, aber sie weiß, sie ist da. Oder vielleicht war sie nie wirklich da. Vielleicht war sie nur ein Teil von ihr, der endlich laut genug sprach, um gehört zu werden.
Sie denkt an ihren Ex. Wie er sagte: “Du bist zu viel. Du fühlst zu viel. Du denkst zu viel.” Und wie sie daraufhin versuchte, weniger zu sein. Weniger zu fühlen. Weniger zu wollen. Wie gut sie darin wurde, sich kleiner zu machen, schmaler, passfähiger.
Und dann kam sie hierher und dachte, hier muss sie nichts sein. Hier darf sie einfach existieren.
Aber existieren ist nicht dasselbe wie leben.
Der Schmetterling erscheint wieder. Oder vielleicht ist es ein anderer. Er schwebt durch die Nachtluft wie ein flatterndes Herz, setzt sich auf ihre Hand. Im Mondlicht sieht er aus wie aus Silber gemacht.
“Bist du...?”, beginnt sie.
“Ja”, sagt die Stimme der Raupe. “Und nein. Ich bin etwas dazwischen. Ich bin im Prozess des Werdens.”
“Wie fühlt sich das an?”
Eine Pause. Dann: “Beängstigend. Wunderbar. Wie sterben und geboren werden zugleich. Wie sich erinnern, wer man immer war, und gleichzeitig zu etwas völlig Neuem werden.”
Sie betrachtet den Schmetterling. Seine Flügel zittern leicht. “Ich weiß nicht, wie man das macht.”
“Doch”, sagt die Raupe-die-jetzt-ein-Schmetterling-ist. “Du weißt es. Du hast es schon einmal getan. Als du hierherkamst. Als du deinen Job aufgabst, deine Wohnung, dein altes Leben. Du hast dich damals aufgelöst. Du wurdest zur Suppe.”
“Aber ich habe mich dann doch wieder zusammengesetzt”, sagt sie. “Zu etwas sehr Ähnlichem wie vorher. Mit Routinen. Mit Regeln. Mit Sicherheit.”
“Ja”, sagt der Schmetterling. “Das war dein erster Versuch. Raupen brauchen manchmal mehrere Anläufe.”
Er fliegt auf, kreist einmal über ihrem Kopf, verschwindet dann in der Dunkelheit. Sie liegt da, nackt unter den Sternen, und zum ersten Mal seit acht Monaten fühlt sie etwas, das größer ist als Frieden. Etwas, das wilder ist, gefährlicher, lebendiger.
Hunger. Sie fühlt Hunger nach etwas, von dem sie nicht einmal weiß, was es ist.
Am nächsten Morgen geht sie nicht um sieben zum Brunnen. Sie geht um acht. Und sie geht nicht allein, sie fragt Mika, ob er mitkommen will, und er sagt ja, und während sie gemeinsam die schweren Eimer tragen, erzählt sie ihm von der Raupe. Er lacht nicht. Er nickt nur.
“Ich hatte mal einen Fuchs”, sagt er. “Der saß wochenlang in meinen Träumen und erzählte mir, dass ich nicht hierher gehöre, um zu bleiben, sondern um zu lernen. Ich dachte, er meint, ich soll wieder Psychiater werden. Aber er meinte etwas anderes. Er meinte, ich soll lernen, nicht zu reparieren. Sondern zu bezeugen.”
“Und? Hast du es gelernt?”
Er stellt seinen Eimer ab, wischt sich die Stirn. “Ich lerne es noch. Jeden Tag.”
Sie stehen da im Morgenlicht, zwei nackte Menschen mit Wassereimern, und plötzlich lacht sie. Einfach so. Ein Lachen, das aus ihrem Bauch kommt, aus einem Ort, den sie vergessen hatte. Mika lacht mit, und für einen Moment sind sie nicht zwei Menschen, sondern einfach nur Leben, das sich selbst feiert.
Emma findet sie später beim Tomatenhaus. Sie sitzt auf dem Boden zwischen den Pflanzen, die Hände in der Erde. Es riecht nach Grün und Wachstum und nach etwas, das bald reif sein wird.
“Du siehst anders aus”, sagt Emma.
“Anders wie?”
“Offener. Wie eine Tür, die nicht mehr abgeschlossen ist.”
Sie lächelt. “Vielleicht. Ich weiß noch nicht genau.”
Emma setzt sich neben sie, ihre Schulter berührt ihre. Ihr Körper ist warm von der Sonne. “Ich gehe bald”, sagt sie.
“Ich weiß.”
Sie sieht sie überrascht an. “Woher?”
“Eine Raupe hat es mir erzählt.”
Emma lacht, aber es ist kein spöttisches Lachen. “Natürlich hat sie das. Raupen wissen alles. Schmetterlinge vergessen, Raupen wissen. Deshalb sind wir alle zwischendrin das Interessanteste.”
“Zwischendrin?”
“Zwischen dem Wissen und dem Fliegen. In der Suppe. In der Transformation. Da, wo wir uns nicht mehr sicher sind, wer wir sind, aber auch noch nicht wissen, wer wir werden. Das ist der einzige Moment, in dem wir wirklich lebendig sind.”
Ihre Worte hängen in der Luft wie die Schmetterlinge, die zwischen den Tomatenpflanzen tanzen. Fünf oder sechs von ihnen, alle gelb, alle unmöglich leicht.
“Ich habe Angst”, sagt sie leise.
“Gut”, sagt Emma. “Angst bedeutet, dass es wichtig ist. Dass es zählt.”
Die Tage vergehen anders jetzt. Nicht schneller, nicht langsamer, einfach anders. Sie geht immer noch zum Brunnen, aber manchmal um sieben, manchmal um neun, manchmal gar nicht, weil jemand anderes freiwillig geht. Sie liegt in ihrer Hängematte, aber sie starrt nicht mehr nur ins Leere, sie beobachtet. Wie das Licht sich verändert. Wie die Blätter tanzen. Wie ihr eigener Atem sich hebt und senkt, hebt und senkt.
Eines Nachmittags schwimmt sie weiter hinaus in den See als je zuvor. Das Wasser ist dunkel hier, kalt, und sie kann den Grund nicht mehr sehen. Ihre Beine strampeln unter ihr in der Unendlichkeit. Sie könnte umdrehen. Sie könnte zurück ins Seichte, wo es sicher ist.
Stattdessen dreht sie sich auf den Rücken, lässt sich treiben.
Der Himmel über ihr ist so blau, dass es wehtut. Wolken ziehen vorbei, nehmen Formen an, ein Pferd, ein Schiff, ein Gesicht, das sie kennt oder auch nicht. Ihr Körper wiegt nichts. Sie ist Wasser in Wasser, Himmel im Himmel.
Ein Schmetterling landet auf ihrer Nase.
Sie bleibt vollkommen still. Seine winzigen Füße kitzeln, aber sie bewegt sich nicht. Er sitzt da, faltet seine Flügel zusammen, öffnet sie wieder. Atmet mit ihr.
“Danke”, flüstert sie. Und sie weiß nicht genau, wofür sie dankt, für die Störung, für die Frage, für das Aufwachen, für die Angst, für die Möglichkeit, dass nichts festgelegt ist, dass alles sich ändern kann, dass sie noch nicht fertig ist, dass sie vielleicht nie fertig sein wird.
Der Schmetterling fliegt auf. Sie schaut ihm nach, wie er Richtung Ufer flattert, wo die anderen liegen und chillen und einfach sind. Aber einfach sein ist jetzt nicht genug für sie. Nicht mehr.
Sie schwimmt zurück, langsam, in ihrem eigenen Rhythmus. Als sie das Ufer erreicht, sind ihre Lippen blau von der Kälte und sie zittert, aber sie fühlt sich lebendiger als seit Monaten. Seit Jahren vielleicht.
Mika wirft ihr ein Handtuch zu. “Du warst weit draußen.”
“Ja.”
“Und? Was hast du da draußen gefunden?”
Sie wickelt sich in das Handtuch, setzt sich auf einen warmen Stein. “Ich weiß noch nicht genau. Aber es war wichtig.”
Er nickt, als hätte er genau das erwartet. “Die wichtigen Dinge wissen wir immer erst später.”
In dieser Nacht träumt sie von Kokons. Tausende von ihnen, hängend in einem Wald aus Kristall. Und sie ist einer von ihnen, schwebend in dieser seltsamen Zwischenwelt, halb aufgelöst, halb im Werden. Es ist nicht beängstigend. Es ist... schön.
Als sie aufwacht, ist es noch dunkel. Aber nicht die beängstigende Dunkelheit der tiefen Nacht, sondern diese weiche, verheißungsvolle Dunkelheit vor der Dämmerung, wenn die Welt noch einmal kurz innehält, bevor der Tag beginnt.
Sie steht auf, verlässt die Hängematte. Ihre nackten Füße im taunassen Gras. Sie geht zum See, steht am Ufer, schaut hinaus auf das schwarze Wasser, das den erwachenden Himmel spiegelt.
Und dann tut sie etwas, das sie noch nie getan hat: Sie schreit.
Nicht vor Schmerz, nicht vor Wut, einfach so. Ein Schrei, der aus ihrem Zentrum kommt, aus dem Ort, wo sie all die Jahre stillgehalten hat. Er reißt durch die Stille des Morgens wie ein Messer durch Seide, und Vögel fliegen auf, erschrocken und schön.
Als es vorbei ist, zittert sie. Aber sie lächelt auch.
Hinter ihr hört sie Schritte. Mehrere. Sie dreht sich um. Mika ist da. Emma. Die anderen. Sie stehen im Halbdunkel, nackte Silhouetten, und sie schauen sie an. Nicht besorgt. Nicht erschrocken.
Verstehend.
“Wir alle haben geschrien”, sagt Emma leise. “Jeder auf seine Art.”
Und dann, ohne dass irgendjemand ein Signal gibt, gehen sie alle ins Wasser. Mitten in der Morgendämmerung, ins eiskalte Wasser, und sie lachen und rufen und sind lebendig, so lebendig.
Sie folgt ihnen.
Drei Wochen später spricht sie mit Emma. Emma packt ihre Sachen, ein kleiner Rucksack, mehr braucht sie nicht. Sie hilft ihr, ihre Hängematte abzuhängen.
“Kommst du auch irgendwann zurück?”, fragt sie.
Emma denkt nach. “Vielleicht. Aber nicht, um zu bleiben. Um zu besuchen. Um mich zu erinnern.”
“Woran?”
“Dass ich verrückt sein darf. Dass ich mit Raupen sprechen darf. Dass nichts von all dem, “ sie macht eine Geste, die das ganze Dorf umfasst, “ realer oder irrealer ist als das Leben da draußen. Es ist nur eine andere Art zu träumen.”
Sie umarmt sie. Ihr Körper ist dünn und stark zugleich. “Du wirst auch gehen”, flüstert Emma. “Nicht bald vielleicht. Aber irgendwann. Und das ist gut. Wir sind nicht gemacht, um für immer irgendwo zu bleiben. Wir sind gemacht, um zu werden.”
Sie schaut ihr nach, wie sie den Pfad hinuntergeht, der aus dem Dorf führt. Ihr Rucksack wippt auf ihrem Rücken. Dann verschwindet sie zwischen den Bäumen, und für einen Moment denkt sie, sie sieht einen gelben Schmetterling um ihren Kopf flattern.
Aber vielleicht bildet sie sich das auch nur ein.
Heute ist ein Tag wie jeder andere, und zugleich ist er es nicht. Sie ist um halb neun aufgestanden, nicht, weil sie es musste, sondern weil ihr Körper bereit war. Sie hat kein Wasser geholt; heute macht das jemand anders. Stattdessen sitzt sie am Rand des Sees, ihre Füße im Wasser, und schreibt.
Nicht auf Papier, sie hat kein Papier. Sie schreibt in ihrem Kopf, mit Worten, die sich anfühlen wie Flügel. Sie schreibt an niemanden und an alle. Sie schreibt, weil Worte eine Art sind zu fliegen.
Die Raupe kommt nicht mehr. Oder sie ist immer da, so still und unsichtbar wie ihr Atem. Sie braucht sie nicht mehr zu hören, um zu wissen, was sie sagen würde:
Du bist im Kokon. Du bist die Suppe. Du bist das Werden.
Und sie weiß jetzt: Das ist okay. Sie muss nicht wissen, wer sie sein wird, wenn sie herauskommt. Sie muss nicht wissen, welche Farbe ihre Flügel haben werden, wie weit sie fliegen wird, ob sie überhaupt fliegen wird oder ob sie etwas ganz anderes sein wird, etwas, für das es noch keine Worte gibt.
Sie muss nur bereit sein, sich aufzulösen.
Wieder und wieder und wieder.
Ein Schmetterling landet auf ihrem Fuß. Oder vielleicht sind es zwei. Oder drei. Sie zählt nicht mehr. Sie schaut ihnen einfach zu, wie sie tanzen, diese unmöglichen Geschöpfe, die einmal Raupen waren und die keine Erinnerung haben an die Zeit, als sie krochen.
Aber sie hat eine Erinnerung. Sie erinnert sich an den Tag, an dem sie ihre Routine brach. An den Tag, an dem eine Raupe in ihrem Kopf sprach und sagte: Du versteckst dich.
Und sie erinnert sich an jetzt, an diesen Moment, wo sie sitzt am Wasser, nackt und frei und verängstigt und hoffnungsvoll und in Transformation begriffen, immer in Transformation begriffen.
Sie ist nicht angekommen.
Sie wird nie ankommen.
Und das, versteht sie plötzlich mit einer Klarheit, die fast wehtut, ist genau richtig.
Denn Leben ist kein Ort, an dem man bleibt.
Leben ist das Flattern zwischen den Bäumen, das Schwimmen ins tiefe Wasser, das Schreien in die Morgendämmerung.
Leben ist der Moment, in dem sie bemerkt, dass sie ihre Routine gebrochen hat, und statt zurückzukehren, einfach weitergeht.
In die Ungewissheit hinein.
Mit zitternden, wachsenden Flügeln.
Die vielleicht tragen.
Oder auch nicht.
Aber sie fliegt trotzdem.
Wenn dich dieser Text begleitet oder berührt hat kannst du mir hier einen Kaffee ☕ dalassen.


Genau diese Art von Text braucht kein Tempo.
Danke fürs Teilen.😊🌱🐛
Wunderschöne Kurzgeschichte!