Weiche Männer
warum niemand darüber spricht, dass auch Männer weiche Haut haben dürfen
Es beginnt immer mit dem Dampf.
Vielleicht ist das Universum so entstanden, denkst du manchmal, wenn du in der Sauna sitzt und der Schweiß dir über die Stirn läuft wie kleine Flüsse, die noch keinen Namen haben. Vielleicht war am Anfang nicht das Wort, sondern die Wärme. Vielleicht hat Gott oder wer auch immer zuerst geschwitzt, bevor er irgendetwas erschaffen hat, und aus diesem Schweiß sind die Ozeane entstanden, die Seen, die Tränen, die wir weinen wenn wir denken dass uns niemand sieht.
Ich gehe regelmäßig in die Sauna.
Das ist ein Satz, den Männer nicht sagen. Das ist ein Satz, der in der Grammatik des Männlichen nicht vorkommt, so wie bestimmte Wörter in bestimmten Sprachen nicht existieren, weil die Kultur sie nicht brauchte. Die Inuit haben angeblich fünfzig Wörter für Schnee. Männer haben null Wörter für Selbstfürsorge. Wir haben Bier. Wir haben Fußball. Wir haben diese müden Witze über Grillabende und Heimwerkerprojekte, die nie fertig werden. Aber wir haben kein Wort für: Ich sitze nackt in einem Raum der achtzig Grad heiß ist und ich tue das für mich, nicht für einen Wettkampf, nicht um etwas zu beweisen, nicht um irgendwen zu besiegen.
Ich tue es, weil meine Haut danach singt.
Und ja, ich weiß wie das klingt. Ich weiß, dass Haut eigentlich nicht singen kann, dass das eine Metapher ist, dass Metaphern eigentlich nur zeigen sollen wie arm unsere Sprache ist wenn es darum geht zu beschreiben was wir wirklich fühlen. Aber meine Haut singt. Nach der Sauna, nach diesem Moment wenn du hinausgehst in den Ruheraum und dich hinlegst und die Decke anstarrst und dein ganzer Körper vibriert wie eine Stimmgabel die jemand angeschlagen hat, in diesem Moment singt meine Haut und ich schäme mich nicht dafür.
Ich schäme mich für gar nichts mehr.
Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis die ich dir mitgeben kann, und ich sage dir schon auf der ersten Seite, weil ich deine Zeit respektiere und weil ich weiß dass du wahrscheinlich auf deinem Handy liest während du in der Bahn sitzt oder auf der Toilette oder in irgendeinem Wartezimmer wo das Licht immer ein bisschen zu grell ist. Die wichtigste Erkenntnis ist: Du darfst aufhören, dich zu schämen.
Für was auch immer.
Aber besonders dafür, dass du einen Körper hast und dass dieser Körper Pflege braucht und Zuwendung und Wärme und Öl und Schaum und sanfte Berührungen und dass du dir das alles selbst geben darfst, auch wenn du ein Mann bist, auch wenn niemand dir das je beigebracht hat.
Lass mich dir von meinem Sonnenstudio erzählen.
Es liegt in einer Seitenstraße, die so aussieht wie Seitenstraßen eben aussehen: ein bisschen vergessen, ein bisschen grau, als hätte jemand beim Erschaffen der Welt an dieser Stelle gespart. Es gibt einen Blumenladen der nie Kunden hat und eine Bäckerei die seit drei Jahren zu verkaufen ist und dann mein Sonnenstudio. Von außen könnte es auch ein Büro sein oder eine Arztpraxis oder einer dieser Orte an die niemand freiwillig geht.
Aber innen.
Innen ist es wie ein Kokon. Innen ist es wie der Bauch eines sanften Tieres das dich verschluckt hat aber nicht verdauen wird, das dich nur eine Weile halten will, warmhalten, beschützen vor einer Welt die manchmal so kalt ist dass deine Knochen klappern selbst wenn du nicht frierst.
Ich lege mich auf die Bank. Das UV-Licht geht an. Und für acht Minuten bin ich ein Stein in der Wüste. Für acht Minuten bin ich ein Reptil das seit tausend Jahren auf diesem Felsen liegt und die Sonne trinkt wie andere Lebewesen Wasser trinken. Für acht Minuten hat niemand meine Telefonnummer und niemand erwartet eine Antwort und niemand fragt warum ich nicht zurückgeschrieben habe und niemand denkt dass ich sie ignoriere wenn ich eigentlich nur versuche, am Leben zu bleiben.
Die Gesellschaft redet nicht über Männer die ins Sonnenstudio gehen.
Die Gesellschaft denkt, Männer die ins Sonnenstudio gehen seien eitel. Das Wort Eitelkeit klebt an uns wie nasser Sand, wie etwas das wir abwaschen sollten, schnell, bevor es jemand sieht. Männer sollen nicht eitel sein. Männer sollen pragmatisch sein und funktional und irgendwie schmutzig auf eine Art die zeigt dass sie arbeiten, dass sie nützlich sind, dass sie Dinge reparieren können die kaputt sind.
Aber was ist mit den Dingen in uns die kaputt sind?
Darf ich die reparieren? Darf ich mich hinlegen unter ein künstliches Licht das so tut als wäre es die Sonne und für ein paar Minuten so tun als würde mich jemand wärmen? Darf ich mir selbst Wärme geben wenn niemand sonst es tut?
Ich habe beschlossen: Ja. Ich darf.
Jetzt wird es seltsam. Jetzt wird es persönlich auf eine Art die dich vielleicht zum Lachen bringt oder zum Weinen oder zu beidem gleichzeitig, und ich hoffe zu beidem gleichzeitig, weil das Leben eigentlich immer beides gleichzeitig ist und wir nur so tun als könnte man diese Dinge trennen.
Ich rasiere meinen Körper.
Den ganzen Körper. Alles außer den Haaren auf meinem Kopf. Die Beine, die Arme, die Brust, den Bauch, den Rücken soweit ich hinkomme und den Rest macht ein Spiegel und Geduld und diese Verrenkungen die du machen musst wenn du versuchst, Stellen zu erreichen die nie dafür gedacht waren, erreicht zu werden.
Das erste Mal habe ich es heimlich getan, als wäre es ein Verbrechen. Als hätte ich einen Mord begangen und müsste jetzt die Beweise verschwinden lassen. Ich habe die Badezimmertür abgeschlossen, obwohl niemand da war. Ich habe den Rasierer versteckt, danach, als wäre er eine Waffe. Ich habe auf meinen Körper geschaut, auf diese fremde Landschaft die plötzlich ganz anders aussah, glatt und verletzlich und irgendwie neu, und ich habe mich geschämt wie ich mich noch nie für irgendetwas geschämt habe.
Warum?
Ich habe lange darüber nachgedacht und ich glaube die Antwort ist: weil mir niemand die Erlaubnis gegeben hatte. Weil es keine Werbung gibt die zeigt wie ein Mann seinen Körper rasiert. Weil alle Pflegeprodukte in der Drogerie rosa und lila und floral riechen und Wörter wie WOMAN und FÜR SIE und LADY auf der Verpackung haben, als hätte Pflege ein Geschlecht, als wäre Seife männlich oder weiblich, als würden Rasierer denken können.
Jetzt stell dir vor: du gehst durch diese Regale und du bist ein Mann und du willst etwas kaufen das nach Rosen riecht oder nach Lavendel oder nach irgendetwas das nicht SPORT oder EXTREME oder POWER heißt. Du stehst da zwischen all diesen Produkten die nicht für dich gemacht wurden und du fühlst dich wie jemand der in ein fremdes Land gereist ist ohne die Sprache zu sprechen. Du nimmst die Flasche und du legst sie wieder hin und du nimmst sie noch mal und du schaust dich um ob dich jemand beobachtet und dann kaufst du irgendwas in Schwarz mit Silber das ACTIVE SPORT DYNAMIC heißt und nach nichts riecht außer nach der Verzweiflung von Männern die nicht zugeben können dass sie gerne gut riechen würden.
Das ist absurd.
Das ist so absurd dass es fast schon wieder lustig wäre, wenn es nicht so traurig wäre, wenn nicht Millionen von Männern da draußen heimlich leiden würden weil ihnen niemand gesagt hat: Du darfst weich sein. Du darfst gut riechen. Du darfst dich pflegen.
Lass mich dir von meinem liebsten Ritual erzählen.
Schaumbäder.
Ich weiß. Ich weiß wie das klingt. Ich höre die Stimmen in meinem Kopf die sagen: Schaumbäder sind für Frauen. Schaumbäder sind für Kinder. Schaumbäder sind für Romantikkomödien in denen jemand Kerzen anzündet und Rotwein trinkt und alles ist in Rosa getaucht weil der Regisseur denkt dass Rosa die Farbe der Weiblichkeit ist.
Aber hör mal.
Hör mal genau hin.
Hast du jemals in einer Badewanne gelegen die so voll war mit Schaum dass du deinen eigenen Körper nicht mehr sehen konntest? Hast du jemals deine Hand durch diesen Schaum gezogen und Muster gemacht, Berge und Täler und kleine Inseln auf denen niemand lebt weil sie nur aus Seifenblasen bestehen? Hast du jemals das Gefühl gehabt dass du schwebst, dass die Grenzen deines Körpers sich auflösen, dass du nicht mehr weißt wo du aufhörst und wo das Wasser anfängt?
Das ist Meditation.
Das ist Meditation für Menschen die nicht stillsitzen können. Das ist Meditation für Menschen deren Gehirn nicht aufhören will zu denken, für Menschen die um drei Uhr nachts wach liegen und sich fragen was sie vor elf Jahren auf einer Party gesagt haben und ob der andere das vielleicht falsch verstanden hat. Das ist Meditation für Menschen die jeden anderen Weg probiert haben und gescheitert sind.
Und dann die Ölbäder.
Oh, die Ölbäder.
Es gibt Badeöle die deinen Körper in eine Substanz verwandeln die ich nicht beschreiben kann. Du steigst aus der Wanne und deine Haut glänzt wie polierter Marmor, wie der Körper einer griechischen Statue die jemand im Ozean gefunden hat, jahrhundertelang umspült von Wellen, glattgeschliffen von der Zeit. Du fasst deinen eigenen Arm an und er fühlt sich an wie Seide, wie etwas Kostbares, wie etwas das es verdient hat, angefasst zu werden.
Wann hast du das letzte Mal gedacht: Mein Körper verdient es, angefasst zu werden?
Wann hast du das letzte Mal deinen eigenen Körper berührt, nicht um zu prüfen ob irgendwo ein neuer Schmerz ist, nicht um einen Knoten zu finden den es nicht geben sollte, nicht aus Angst, sondern aus Zuneigung?
Wir berühren uns selbst nur wenn etwas nicht stimmt. Wir greifen nach unserem Kopf wenn er schmerzt. Wir massieren unseren Nacken wenn er verspannt ist. Wir tasten unseren Bauch ab wenn wir zu viel gegessen haben. Aber wir streichen nicht einfach so über unsere Haut, nur weil sie existiert, nur weil sie uns seit Jahrzehnten trägt, nur weil sie verdient hat, gefeiert zu werden.
Ich habe beschlossen: Mein Körper verdient es, gefeiert zu werden.
Und ich feiere ihn mit Öl und Schaum und Wärme und Creme und allem was die Gesellschaft für Frauen reserviert hat, als gäbe es ein Gesetz das sagt: Nur weibliche Haut darf weich sein. Nur weibliche Körper dürfen glänzen. Nur Frauen dürfen nach Rosen riechen.
Ich creme mich ständig ein.
Das ist kein Witz und keine Übertreibung. Ich meine es wörtlich. In meinem Badezimmer stehen mehr Tuben und Tiegel und Flaschen als in manchen Kosmetikgeschäften. Da ist die Tagescreme mit Lichtschutzfaktor, weil die Sonne dich auch durch Fenster erreicht und deine Haut sich merkt was du ihr antust, sie vergisst nichts, sie verzeiht dir aber sie vergisst nie. Da ist die Nachtcreme die etwas reichhaltiger ist weil die Haut sich nachts regeneriert, während du schläfst und von Dingen träumst die keinen Sinn ergeben, arbeitet deine Haut, sie ist fleißiger als du, sie verdient mehr Respekt.
Da ist die Körperlotion die ich nach jeder Dusche auftrage, überall, jeden Zentimeter, und ich nehme mir Zeit dafür wie für ein Gebet. Da ist das Serum mit der Hyaluronsäure von dem ich nicht wirklich verstehe wie es funktioniert aber es zieht Feuchtigkeit an wie ein Magnet und meine Haut sieht danach aus wie der Himmel nach einem Gewitter, klar und frisch und irgendwie gereinigt.
Die Gesellschaft redet nicht über Männer die Serum benutzen.
Die Gesellschaft denkt, Hautpflege sei Frauensache, als hätten Frauen andere Haut als Männer, als würde die Biologie sich an Geschlechtergrenzen halten, als würden Hautzellen bei der Geburt nachschauen ob sie männlich oder weiblich sind und dann entsprechend unterschiedliche Bedürfnisse entwickeln.
Das ist natürlich Unsinn.
Haut ist Haut. Sie braucht Feuchtigkeit. Sie braucht Schutz. Sie braucht Aufmerksamkeit. Und sie braucht diese Dinge unabhängig davon welche Geschlechtsorgane der Mensch hat dem sie gehört.
Aber geh mal in eine Drogerie als Mann und frag nach einer guten Feuchtigkeitscreme. Geh mal in ein Kosmetikgeschäft und lass dich beraten. Die Verkäuferinnen werden dich anschauen wie einen Alien der gerade gelandet ist und nach dem Weg zur nächsten Tankstelle fragt. Sie werden denken: Kauft der ein Geschenk? Für seine Freundin? Für seine Mutter? Für irgendjemanden der weiblich ist und daher eine Berechtigung hat, sich zu pflegen?
Nein, wirst du sagen. Für mich.
Und dann wird es still. Und dann wird es seltsam. Und dann wirst du spüren wie sich etwas verschiebt in der Welt, wie eine kleine Platte die sich bewegt, wie ein Erdbeben das so leise ist dass es niemand registriert außer dir.
Ich möchte dir jetzt etwas sehr Wichtiges sagen.
Etwas das ich mir wünschte, mir hätte jemand gesagt als ich jung war und dachte, Männer müssten hart sein. Als ich dachte, Selbstfürsorge sei Schwäche. Als ich dachte, ich müsste meinen Körper ignorieren bis er mich daran erinnert dass er existiert, durch Schmerz, durch Krankheit, durch dieses langsame Zerbröseln das wir Alter nennen.
Hier ist was ich gelernt habe:
Dein Körper ist kein Werkzeug.
Dein Körper ist kein Fahrzeug das dich von A nach B bringt und dessen Bedürfnisse du ignorieren kannst solange es noch fährt. Dein Körper ist kein Ding das dir gehört wie ein Auto oder ein Telefon oder irgendein anderer Gegenstand den du benutzt bis er kaputt ist und dann ersetzt.
Dein Körper bist du.
Ich weiß, das klingt selbstverständlich. Ich weiß, das klingt wie etwas das auf einem Kalender mit Sonnenuntergängen steht oder in einem dieser Bücher die in Flughafenbuchhandlungen verkauft werden. Aber hör mir zu. Wirklich. Hör mir zu.
Du bist dein Körper und dein Körper ist du und wenn du deinen Körper hasst oder ignorierst oder vernachlässigst, dann hasst und ignorierst und vernachlässigst du dich selbst. Jedes Mal wenn du deine Haut rau und trocken werden lässt obwohl du sie eincremen könntest, jedes Mal wenn du dein Gesicht mit irgendeiner billigen Seife wäschst die brennt statt sanft zu sein, jedes Mal wenn du denkst ich habe keine Zeit für sowas, jedes Mal sagst du dir selbst: Ich bin es nicht wert.
Aber du bist es wert.
Du bist es so sehr wert.
Du bist es wert, in einer Badewanne zu liegen bis das Wasser kalt wird und dann heißes nachzulassen und noch ein bisschen länger zu bleiben. Du bist es wert, Cremes zu benutzen die mehr kosten als du ausgeben wolltest, weil sie sich gut anfühlen und weil du dich gut fühlen darfst. Du bist es wert, deinen Körper zu rasieren wenn dir das gefällt, auch wenn niemand ihn sieht, auch wenn du alleine bist, gerade weil du alleine bist und trotzdem entscheidest dass du schön sein willst für dich selbst.
Lass mich dir erzählen was passiert wenn du anfängst, dich zu pflegen.
Am Anfang fühlt es sich seltsam an. Am Anfang fühlst du dich wie jemand der ein Kostüm trägt, wie jemand der etwas tut das nicht zu ihm gehört. Du stehst vor dem Spiegel und du siehst dich an und du denkst: Wer bist du? Was machst du da? Warum riechst du nach Rosen?
Aber dann.
Dann passiert etwas.
Du fängst an, dich zu mögen.
Nicht auf eine laute Art, nicht auf eine prahlende Art, nicht auf die Art wie Menschen sich mögen die Selfies posten und auf Likes warten. Sondern auf eine leise Art. Auf eine tiefe Art. Auf eine Art die sich anfühlt wie nach Hause kommen nach einer sehr langen Reise.
Du fängst an, morgens aufzuwachen und dich zu freuen auf dieses Ritual. Du fängst an, abends im Bett zu liegen und deine eigene Haut zu berühren und zu denken: Das bin ich. Das fühlt sich gut an. Das gehört mir.
Du fängst an zu verstehen dass Selbstfürsorge keine Eitelkeit ist sondern Überleben. Dass du in einer Welt lebst die dich ständig kleiner machen will, die dir ständig sagt dass du nicht genug bist, nicht erfolgreich genug, nicht produktiv genug, nicht männlich genug, nicht weiblich genug, nicht irgendetwas genug. Und dass die einzige Waffe die du gegen diese Welt hast, die einzige wirkliche Waffe, Liebe ist.
Selbstliebe.
Dieses Wort das so abgenutzt ist, so oft missbraucht wurde, so oft in Werbungen auftauchte die dir etwas verkaufen wollten. Aber unter all dem Schmutz, unter all den Schichten von Kommerz und Zynismus, ist da immer noch etwas Echtes. Etwas Notwendiges. Etwas ohne das du nicht überleben kannst, nicht wirklich, nicht auf eine Art die sich wie Leben anfühlt und nicht nur wie Existieren.
Ich schäme mich nicht.
Das ist vielleicht das Wichtigste was ich dir sagen kann, hier, am Ende dieser langen Reise durch Dampf und Licht und Schaum und Öl und Creme. Ich schäme mich nicht dafür dass ich weiche Haut habe. Ich schäme mich nicht dafür dass ich nach Lavendel rieche. Ich schäme mich nicht dafür dass ich Stunden in Badezimmern verbringe während andere Männer in Garagen stehen und an Autos schrauben oder auf Fußballfelder starren oder was auch immer Männer tun sollen um ihre Männlichkeit zu beweisen.
Ich habe niemandem etwas zu beweisen.
Meine Männlichkeit hängt nicht davon ab wie rau meine Hände sind oder wie schlecht ich rieche oder wie sehr ich meinen eigenen Körper vernachlässige. Meine Männlichkeit hängt überhaupt von nichts ab, weil Männlichkeit eine Illusion ist, ein Konstrukt, eine Geschichte die wir uns erzählen und die wir jederzeit umschreiben können.
Ich schreibe meine Geschichte um.
In meiner neuen Geschichte dürfen Männer in Badewannen liegen und singen. In meiner neuen Geschichte dürfen Männer sich eincremen und dabei lächeln. In meiner neuen Geschichte ist Selbstfürsorge kein Zeichen von Schwäche sondern von Stärke, der größten Stärke die es gibt, der Stärke zu sagen: Ich bin es wert, mich um mich selbst zu kümmern.
Und wenn die Gesellschaft das nicht versteht, dann ist das das Problem der Gesellschaft. Nicht meines.
Was also kannst du tun?
Du kannst anfangen. Heute. Jetzt. Du musst nicht alles auf einmal machen. Du musst dir nicht sofort ein Arsenal von Cremes kaufen oder einen Termin im Sonnenstudio machen oder deine Badewanne füllen bis sie überläuft.
Du kannst mit etwas Kleinem anfangen.
Kauf dir eine Creme die gut riecht. Egal ob sie rosa ist oder ob WOMAN draufsteht oder ob die Verkäuferin dich seltsam anschaut. Kauf sie trotzdem. Nimm sie mit nach Hause. Trag sie auf, abends, nach der Dusche. Spür wie deine Haut sie aufnimmt. Spür wie du weicher wirst. Nicht nur deine Haut. Du.
Nimm dir ein Bad. Ein richtiges Bad. Mit Schaum. Mit Kerzen wenn du willst, ohne Kerzen wenn dir das zu viel ist. Leg dich hinein. Schließ die Augen. Bleib liegen bis du vergisst wo du aufhörst und wo das Wasser anfängt.
Berühr deinen eigenen Körper. Nicht sexuell, nicht klinisch, einfach nur so. Streich über deinen Arm. Fahr mit den Fingern durch deine Haare. Leg deine Hand auf dein Herz und spür wie es schlägt, wie es seit dem Tag deiner Geburt schlägt, zuverlässig, unermüdlich, für dich.
Sag zu dir selbst, leise, so dass niemand es hört: Ich bin es wert.
Sag es wieder. Sag es so oft bis du es glaubst.
Die Welt wird sich nicht verändern weil du angefangen hast, dich einzucremen. Ich weiß das. Ich bin nicht naiv. Die Drogerien werden nicht plötzlich anfangen, Pflegeprodukte für Männer zu machen die nicht POWER EXTREME SPORT heißen. Die Gesellschaft wird nicht über Nacht aufhören, Männer zu verurteilen die sich um sich selbst kümmern.
Aber du wirst dich verändern.
Und das ist genug. Das ist mehr als genug. Das ist alles.
Weil die Welt nicht von oben verändert wird, nicht von Gesetzen und Vorschriften und großen Ankündigungen. Die Welt wird verändert von Menschen die anfangen, anders zu leben. Die anfangen, leise, in ihren Badezimmern, in ihren Schlafzimmern, in den kleinen Momenten die niemand sieht. Die anfangen zu sagen: Ich mache das jetzt anders. Ich bin es wert.
Du bist ein Mann. Oder vielleicht bist du keiner, vielleicht bist du etwas anderes, etwas dazwischen, etwas jenseits. Es spielt keine Rolle. Was auch immer du bist, du hast einen Körper. Und dieser Körper trägt dich durch ein Leben das manchmal sehr schwer ist und manchmal sehr schön und meistens beides gleichzeitig.
Sei gut zu ihm.
Sei so gut zu ihm wie du zu einem Freund wärst, zu einem Kind, zu jemandem den du liebst. Gib ihm Wärme und Weichheit und gute Gerüche und sanfte Berührungen. Gib ihm Schaum und Öl und Zeit und Aufmerksamkeit.
Er ist der einzige den du hast.
Und er ist es wert.
Wir alle sind es wert.
Du stehst jetzt auf vielleicht, legst dein Handy weg, gehst in dein Badezimmer und schaust in den Spiegel. Da ist dein Gesicht, diese Landschaft die du so gut kennst und doch so selten wirklich anschaust. Da sind deine Augen die so viel gesehen haben. Da ist deine Haut die so viel ausgehalten hat.
Berühr sie.
Sanft.
Sag: Ich sehe dich.
Sag: Danke.
Sag: Ab jetzt wird alles anders.
Und dann geh los und kauf dir diese Creme.
Wenn dich dieser Text begleitet oder berührt hat kannst du mir hier einen Kaffee ☕ dalassen.















Oh. Oh Mann. Das ist deep. 😥 Danke.
PS. Ich leg mir jetzt mal PayPal zu... sonst wird das nix mit der Kaffeespende.
PPS. Ich arbeite an meinem ersten Substack Post, er wird über Sauna sprechen.
PPPS. Nein, ich schau mir mein Gesicht erst später an, wenn es nicht mehr verheult ist ❤️
Liebe Männer, geht gerne in die Frauenabteilung! Dann bleibt für mich mehr aus der Männerabteilung 😅
(Für das orientalisch-pornöse »Dark Vanilla and Cashmere« von Brooklyn Soap Company – Duschgel ohne blödes SLS! – würde ich mooorrrrdääännnnnnnnn!)