über substack oder: der mann, der seine leser in einer keksdose aufbewahrte
und warum ich morgens ins wasser gehe und was das mit dir zu tun hat und mit dem ganzen rest
Ich habe heute früh im See gestanden, bis zu den Knien, und mir überlegt, wie viele Leute gerade in diesem Moment einen Text schreiben, den niemand lesen wird. Nicht traurig. Nur so.
Das Wasser war kalt. Es ist immer kalt. Man gewöhnt sich nicht daran, man wird nur besser darin, sich nicht zu beschweren.
Und dann kam mir dieser Gedanke, der zu groß war für halb sieben Uhr morgens: dass die ganze Idee vom Schreiben gerade neu erfunden wird, von Leuten in Bademänteln, in Küchen, in Zügen zwischen Hannover und irgendwo, und dass niemand die Erlaubnis dazu erteilt hat. Es gibt auch keine Behörde dafür. Es gab mal eine. Die hieß Verlag.
Das Video klaut mir vermutlich den Text. Egal :p
was ich in der wohnung meiner tante gelernt habe
Meine Tante hatte eine Keksdose, in der keine Kekse waren. In der Dose waren Briefe, fremde Briefe, gekauft auf Flohmärkten, von Menschen, die längst tot waren und die sie nie gekannt hatte.
Ich habe sie gefragt warum.
Sie sagte: weil jemand sie geschrieben hat.
Das war die ganze Antwort. Weil jemand sie geschrieben hat.
Ich war elf und fand das komplett verrückt. Ich finde es immer noch verrückt. Aber ich habe seitdem nichts Klügeres über Literatur gehört.
Stell dir vor, du schreibst einen Brief, und hundert Jahre später sitzt eine Frau in einer Zweizimmerwohnung in Wandsbek und liest ihn, mit einer Lesebrille, die ihr zu groß ist, und weint ein bisschen, und du bist längst Erde.
Das ist die eigentliche Reichweite, mehr als die Zahl unten in der Ecke.
die plattform, über die alle reden
Also gut. Substack.
Ich sage das Wort und du siehst schon etwas vor dir. Wahrscheinlich einen Mann mit Brille, der über Medienkritik schreibt. Oder eine Frau, die dir erklärt, wie du produktiver wirst. Oder jemanden wie mich, der morgens in einen See geht und dann so tut, als wäre das ein Beruf.
Die technische Beschreibung ist langweilig: du schreibst, Menschen abonnieren, manche zahlen. Fertig. Das ist ungefähr so aufregend wie zu sagen, ein Kino ist ein Raum mit Stühlen.
Was tatsächlich passiert, ist unheimlicher.
Zwischen dir und dem Menschen, der dich liest, steht niemand mehr. Kein Lektor. Kein Chefredakteur, der um halb elf sagt, das ist zu speziell. Kein Marketing, das dir erklärt, dass Texte über Trauer sich schlecht verkaufen im vierten Quartal.
Nur du. Und dann sofort: ein Mensch.
Das klingt nach Freiheit, und es ist Freiheit, und Freiheit ist bekanntlich das Anstrengendste, was es gibt.
Denn jetzt gibt es niemanden mehr, der dich rettet. Wenn der Text schlecht ist, ist er schlecht. Es gibt keine Instanz, die ihn vorher abfängt und dir die Peinlichkeit erspart. Du stehst da, komplett nackt, in einem Postfach.
Ich mag das. Ich mag das auf eine Art, die mir manchmal Angst macht.
was die alten dazu gesagt hätten
Es gibt einen Satz, der mich seit Jahren nicht loslässt:
„Wir sind alle im Rinnstein, aber einige von uns schauen zu den Sternen.”
Das ist über hundert Jahre alt und trifft immer noch. Der Punkt ist nicht der Rinnstein. Der Punkt ist, dass die Blickrichtung eine Entscheidung ist, jeden einzelnen Morgen neu, und dass niemand sie dir abnimmt.
Du sitzt in deinem Rinnstein, ich in meinem, und wir schauen beide hoch, und das ist ungefähr die intimste Sache, die zwei Fremde miteinander machen können.
Das ist es, was hier passiert. Genau jetzt. Du und ich.
der teil über die probleme, weil ich nicht lügen will
Es wäre schön, wenn ich dir jetzt sagen könnte: alles wunderbar, geh und schreib, die Welt wartet.
Die Welt wartet nicht. Die Welt hat gerade andere Termine.
Und ohne Lektorat verbreitet sich eben auch der ganze Quatsch schneller. Jemand behauptet etwas, es klingt gut, es fühlt sich richtig an, es wird geteilt, und niemand hat vorher nachgeschaut, ob es stimmt. Das ist die Rechnung für die Freiheit, und sie kommt zuverlässig.
Es gab Streit auf der Plattform. Große, hässliche Debatten darüber, was gesagt werden darf und was nicht, und die Antworten waren unbefriedigend, und sie sind es immer noch. Ich werde dir nicht erzählen, dass das geklärt ist. Es ist nicht geklärt.
Was ich dir erzählen kann: ich habe noch nie eine Freiheit gesehen, die sauber war.
Meine Großmutter hat immer gesagt, wer die Tür aufmacht, lässt auch die Fliegen rein. Sie hat trotzdem die Tür aufgemacht. Jeden Sommer. Jeden verdammten Sommer.
was tatsächlich passiert, wenn dich jemand liest
Hier wird es seltsam. Bleib kurz bei mir.
Wenn jemand deinen Text liest, dann geschieht Folgendes: deine Wörter, die aus deinem Kopf kamen, an einem Dienstag, während draußen jemand einen Rasen mähte, wandern in einen anderen Kopf. Und dort werden sie zu etwas anderem. Zu dem Rasen, den dieser Mensch gehört hat. Zu seinem Dienstag.
Du schreibst See. Er liest den See seiner Kindheit.
Du schreibst Angst. Sie liest ihre eigene, aus dem Jahr, in dem sie umgezogen ist.
Das ist keine Kommunikation. Das ist eine Art höfliche Halluzination, bei der beide so tun, als meinten sie dasselbe.
Und trotzdem funktioniert es. Das ist das Wahnsinnige. Es funktioniert seit dreitausend Jahren und niemand weiß genau, warum.
Ich habe neulich eine Nachricht bekommen von einer Frau, die schrieb, sie habe einen meiner Texte im Wartezimmer gelesen und musste laut lachen, und alle haben geguckt. Sie hat sich entschuldigt. Bei mir. Dafür dass sie gelacht hat.
Ich habe drei Tage darüber nachgedacht. Ich denke immer noch darüber nach.
Irgendwo saß ein Mensch in einem Wartezimmer und war für achtzig Sekunden nicht in dem Wartezimmer.
Dafür macht man das, glaube ich. Wegen der achtzig Sekunden, nicht wegen der Zahlen.
mein caravan und die drei seen
Ich wohne in einem Wohnwagen. Das erzähle ich nicht, damit du denkst, ich sei besonders. Ich erzähle es, weil es erklärt, warum ich so viel über Platz nachdenke.
In einem Wohnwagen gibt es keinen Platz für etwas, das du nicht brauchst. Jedes Ding muss sich rechtfertigen. Der Löffel muss ein guter Löffel sein, sonst fliegt er raus.
Texte sind genauso.
Jeder Satz muss sich rechtfertigen. Sonst raus. Ich habe gestern vierhundert Wörter gelöscht, die vollkommen in Ordnung waren. In Ordnung ist nicht genug. In Ordnung ist der Löffel, den man behält, weil er schon da ist.
Draußen sind drei Seen. Ich weiß nicht genau, warum drei. Es ist einfach so.
Morgens gehe ich in einen davon, und danach schreibe ich, und der Zusammenhang ist folgender: im Wasser kann man nicht nachdenken. Es ist zu kalt. Der Körper übernimmt und schaltet den Kopf ab, und für vier Minuten bist du nur ein Tier in einem See, und wenn du rauskommst, ist ein Teil des Unsinns weg, nie alles, aber immerhin ein Teil.
das zweite zitat, das ich brauche
„Und plötzlich weiß man: Es wird nie wieder so sein, wie es war.”
Das ist über Herbst geschrieben, aber es geht nicht um Herbst. Es geht darum, dass jeder Moment ein letztes Mal enthält, und dass man es fast immer erst hinterher merkt.
Ich denke daran, wenn ich Sachen veröffentliche.
Jeder Text ist ein letztes Mal von irgendwas. Der Mensch, der ihn geschrieben hat, existiert am nächsten Tag schon nicht mehr in genau der Form. Er hat andere Sachen gelesen, schlecht geschlafen, sich über eine E-Mail geärgert.
Du liest also immer jemanden, den es nicht mehr gibt.
Ich finde das schön. Ich weiß, es klingt erst mal nicht so.
warum du das lesen solltest und nicht irgendetwas anderes
Ich will ehrlich sein: du hast ungefähr elftausend Möglichkeiten, gerade jetzt nicht das hier zu lesen.
Und trotzdem bist du noch da. Warum?
Ich habe eine Vermutung. Du suchst nach jemandem, der zugibt, dass er es auch nicht weiß.
Es gibt so viel Text, der so tut, als hätte er das Ganze im Griff. Sieben Schritte. Fünf Regeln. Das ultimative Irgendwas. Und du liest das, und für zwanzig Minuten fühlt es sich an, als wäre alles lösbar, und dann machst du das Fenster zu und dein Leben ist immer noch dein Leben.
Ich habe keine sieben Schritte. Ich habe einen kalten See und eine Tante mit einer Keksdose.
Aber ich sitze hier neben dir, und das ist mehr, als die meisten Ratgeber tun. Die stehen nämlich vor dir und zeigen mit dem Finger.
Ich sitze. Rutsch mal.
was das schreiben mit dem essen zu tun hat
Meine Mutter hat immer zu viel gekocht. Immer. Für vier Leute Essen für neun.
Ich habe sie mal gefragt, ob sie sich verrechnet.
Sie sagte: falls jemand kommt.
Es kam nie jemand. Vierzig Jahre lang kam nie jemand, den sie nicht eingeplant hatte, und sie hat vierzig Jahre lang zu viel gekocht.
Ich verstehe das jetzt. Es ging nicht ums Essen. Es ging um die Haltung, dass die Tür offen ist. Dass Platz da ist. Dass jemand kommen könnte.
So schreibe ich auch. Für die, die kommen könnten.
Und manchmal, sehr selten, kommt tatsächlich jemand, und dann bin ich froh, dass genug da ist.
die sache mit dem geld, kurz und ohne peinlichkeit
Manche zahlen. Freiwillig. Ohne dass sie etwas dafür bekommen, was die anderen nicht auch bekommen.
Das ist ökonomisch vollkommen bescheuert und deshalb liebe ich es.
Es bedeutet nämlich: jemand entscheidet sich aktiv dafür, dass etwas existieren soll. Nicht weil er ein Produkt will. Sondern weil er will, dass jemand weitermacht.
Das ist keine Transaktion. Das ist eine Abstimmung darüber, was auf der Welt sein soll.
Ich denke jedes Mal daran, wenn eine reinkommt. Irgendwo hat jemand entschieden: das soll es geben.
Mehr Anerkennung kriegst du nirgends. Auch nicht mit Preis.
der teil, an dem es kurz wehtut
Es gibt Tage, an denen niemand antwortet.
Du schreibst etwas, in das du drei Tage gesteckt hast, und du drückst auf senden, und dann ist es still, auf eine Art, die nicht feindlich ist, nur eben still.
Und dann sitzt du da und der Wohnwagen macht dieses Geräusch, das Wohnwagen machen, dieses Knacken, wenn sich das Metall abkühlt, und du denkst: vielleicht mache ich das für nichts.
Ich schreibe das hin, weil du es kennst. Nicht vom Schreiben vielleicht. Aber du kennst es.
Von dem Projekt, das niemand gesehen hat. Von der Sache, die du gut gemacht hast, und keiner hat es gemerkt. Von dem Abendessen, das du gekocht hast, und alle haben aufs Handy geguckt.
Das ist derselbe Schmerz. Er hat nur verschiedene Kleider an.
Und dann steht man am nächsten Morgen auf und geht ins Wasser und macht weiter, weil die Alternative ist, nicht weiterzumachen, und die ist schlechter.
Das ist keine Motivation. Das ist nur eine Beobachtung.
drittes zitat, weil es hierher gehört
„Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.”
Ich habe das lange missverstanden. Ich dachte, das sei eine Aufforderung, chaotisch zu sein.
Es ist eine Warnung. Vor der Ordnung.
Wenn du alles aufgeräumt hast, wenn jeder Gedanke seinen Platz hat, wenn nichts mehr scheppert, dann kommt nichts mehr. Dann bist du ein sehr gut sortierter Schrank.
Das Chaos ist nicht das Problem. Das Chaos ist das Material.
Ich schreibe die besten Sachen an den Tagen, an denen ich mich am wenigsten unter Kontrolle habe. An den ordentlichen Tagen mache ich Tabellen.
was du machen könntest, wenn du wolltest
Ich gebe dir keinen Ratschlag. Ratschläge sind meistens Autobiografie, verkleidet als Anweisung.
Aber ich sage dir, was ich gesehen habe.
Ich habe Leute gesehen, die angefangen haben, ohne dass irgendetwas dafür sprach. Ohne Publikum, ohne Plan, ohne besondere Begabung, wenn ich ehrlich bin. Und nach einem Jahr täglichen Schreibens waren sie andere Menschen geworden, berühmt keiner von ihnen.
Denn wenn du jeden Tag genau hinschaust, damit du etwas zu schreiben hast, dann schaust du irgendwann auch hin, wenn du nicht schreibst. Und dann ist plötzlich alles voller Zeug. Die Frau in der Straßenbahn, die ihre Einkaufstüte hält wie ein Kind. Der Typ, der um sieben Uhr morgens allein in der Bäckerei steht und mit dem Verkäufer über Fußball redet, obwohl beide keine Lust auf Fußball haben, aber sie brauchen ein Thema, weil das Gespräch das Eigentliche ist.
Das siehst du dann. Das siehst du dann alles.
Und das ist der eigentliche Mehrwert, nicht die Leserzahl, sondern die Augen.
die keksdose, zurück
Als meine Tante starb, habe ich die Dose bekommen. Ich habe sie immer noch. Sie steht über dem Bett im Wohnwagen, was eine schlechte Idee ist, weil sie bei jeder Bodenwelle runterfällt.
Ich habe die Briefe irgendwann gelesen. Alle.
Sie sind langweilig. Das ist die Wahrheit. Es geht um Kartoffelpreise und um jemanden, der einen Husten hat, und um eine Hochzeit, bei der die Musik zu laut war.
Und einer, ein einziger, von einer Frau an ihre Schwester, 1938, und ganz am Ende steht: Sonst nichts Neues, nur dass die Kirschen dieses Jahr so viele sind, dass wir nicht wissen wohin damit.
Mehr nicht. Kirschen.
Ich habe geheult wie ein Kind. Wegen der Kirschen.
Weil ich weiß, was danach kam, und sie wusste es nicht, und sie hatte zu viele Kirschen, und sie war glücklich, und das war Juni 1938.
Ich glaube, ich schreibe seitdem gegen etwas an. Ich weiß nicht genau, wogegen. Vielleicht dagegen, dass die Kirschen niemand aufschreibt.
also, was jetzt
Du wirst gleich das Fenster schließen und irgendwas anderes machen. Wahrscheinlich Wäsche. Es ist immer Wäsche.
Und ich möchte, dass du eine Sache mitnimmst, aber ich sage sie dir nicht direkt, weil das dann nach Schluss klingt, und ich mag keine Schlüsse.
Ich sage es so: irgendwo in deinem Kopf liegt etwas rum, das du noch niemandem erzählt hast, weil es zu klein ist. Zu unwichtig. Zu sehr nur deins.
Das ist es. Genau das ist es.
Die Kirschen sind immer das Kleine.
viertes zitat, das letzte
„Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.”
Ich denke da an den Souffleur in seinem kaputten Kasten. Er hat gespielt. Es war komplett sinnlos und er hat es trotzdem gemacht, mit vollem Ernst, drei Monate lang.
Für den Fall.
Und ehrlich, wenn ich mir aussuchen dürfte, wie ich in Erinnerung bleibe, dann so. Als jemand, der in einen kaputten Kasten geflüstert hat, weil vielleicht doch jemand zuhört.
Vielleicht hörst du ja zu.
Dann hat es sich gelohnt.
Wenn dich dieser Text begleitet oder berührt hat kannst du mir hier einen Kaffee ☕ dalassen.






Lasst uns Keksdosen befüllen mit Briefen, die geschrieben wurden.
Ich hatte vor ein paar Wochen auf einem Flomarkt - Fotoalben gefunden. Aus Haushaltsauflösungen. Erschreckend, wenn das eigene Leben letztendlich auf einem Flohmarkt verweilt. Aber besser so, als auf dem Müll.
Eines davon habe ich mir gekauft, um mich daran zu erinnern, dass es Menschen gibt, die gelebt haben und diese Welt mitgestalten haben….
Ich habe dazu auch einen Artikel geschrieben….
Danke für diesen tollen Artikel.
…
Ich wundere mich gerade, warum ich Dich noch nicht abonniert habe.
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Warum machst du, dass ich weinen muss. Kurz vor Schluss, unerwartet. Es ist als ob die Herzen Verbindung bekommen, und dann beginnen sie zu leuchten.