Pruritus ani
Eine Erkundung des kleinen, hartnäckigen Schweigens, das sich dort festsetzt, wo man nicht hinzeigt, und der seltsamen Tapferkeit, die es braucht, drei Wörter zu sagen, die jeder kennt
Vorwort
Es gibt Dinge, über die man nicht schreibt. Nicht weil sie nicht existieren, sondern weil man irgendwann entschieden hat, sie in einen bestimmten Raum zu sperren, einen inneren Raum ohne Fenster, und den Schlüssel in die Hosentasche zu stecken und zu vergessen, dass man ihn hat. Dieser Text handelt von einem solchen Ding. Er handelt davon, was passiert, wenn man den Schlüssel wieder herausnimmt. Man wird überrascht sein, wie hell es drinnen ist. Man wird überrascht sein, wie viele Menschen dort bereits sitzen und warten, dass endlich jemand die Tür öffnet.
Lies das jetzt. Heute. Es geht um dich.
🎵 Musik zum Text: R.E.M. – Everybody Hurts
Das Jucken beginnt. Und dann beginnt das Denken.
Es fängt klein an. So klein, dass du denkst, es sei nichts. Ein leises Signal, irgendwo dort hinten, wie ein Klopfen an einer Tür, von der du nicht wusstest, dass sie existiert. Du ignorierst es. Du bist gut im Ignorieren. Du hast jahrelang geübt.
Dann ist es abends. Du liegst im Bett. Die Decke liegt schwer über dir wie ein freundliches Tier. Und das Klopfen ist lauter geworden. Es ist jetzt weniger ein Klopfen als ein Pochen. Weniger ein Pochen als ein eindeutiges, unmissverständliches, frisch formuliertes Jucken. Du denkst an den Satz, den du morgen schreiben musst. Du denkst an das Gespräch, das du vergessen hast zu führen. Dann denkst du, kurz und erschrocken: Was ist das eigentlich genau, was da juckt?
„Der Körper ist nicht unser Feind. Er ist unser ältester Freund, der uns auf die uneleganteste Art liebt.” (Unbekannt)
Du weißt es natürlich. Du hast Biologie in der Schule gehabt. Du hast einen Körper. Dieser Körper hat ein Ende. Dieses Ende juckt gelegentlich. Das ist kein Skandal. Das ist Biologie. Das ist Leben. Das ist die Art, wie das Leben manchmal flüstert: Ich bin hier. Vergiss mich nicht.
Und trotzdem: Du sagst nichts.
Die Sprache, die fehlt
Hier ist das merkwürdige Ding an der menschlichen Sprache: Sie hat für fast alles ein Wort. Für Schadenfreude. Für Fernweh. Für das Gefühl, wenn man in eine Wohnung kommt, in der jemand Kuchen gebacken hat. Sie hat tausend Wörter für Regen. Aber für das, was dich juckt, dort, genau dort, da wird die Sprache plötzlich scheu. Da schaut sie weg. Da hustet sie in ihre Faust und murmelt etwas Unverständliches.
Du hast selbst kein gutes Wort dafür. Du hast eine Schublade in deinem Kopf mit der Aufschrift „Dinge, die ich nicht laut sage”, und dort liegt es, ordentlich zusammengefaltet, neben den anderen Dingen, die du nicht laut sagst.
Du könntest es medizinisch sagen. Rektal. Perianal. Pruritus ani. Das klingt nach etwas, das man in einer Konferenz vorstellt, mit Folien und einem Laserpointer. Das klingt nicht nach dir, der du nachts auf deiner Matratze liegst und nicht weißt, ob du dir Sorgen machen sollst oder nicht.
Du könntest es umgangssprachlich sagen. Aber dann schämt sich dein Mund schon beim Gedanken daran.
Also sagst du gar nichts.
Der Arztbesuch als existenzielle Erfahrung
Irgendwann, nach Wochen oder Monaten oder einem langen Nachmittag, in dem du einfach nicht mehr ignorieren konntest, was du ignoriert hast, machst du einen Termin. Das ist ein Akt von ungeahntem Mut. Unterschätz das nicht. Du hast eine kleine Revolution vollzogen.
Im Wartezimmer sitzt du und schaust auf dein Telefon, als würde dort etwas Wichtiges passieren, dabei schaust du nur auf die Zeit. Neben dir sitzt jemand mit einem gebrochenen Arm. Ein anderer hat Husten. Du bist der Einzige, der das hat, was du hast. Das glaubst du zumindest. Du bist überzeugt, eine Anomalie zu sein. Eine seltene Erscheinung. Ein Kuriosum.
„Das Schamgefühl ist die Überzeugung, das Einzige zu sein. Es löst sich in dem Moment auf, in dem man erfährt: Alle anderen auch.” (Unbekannt)
Dann ruft die Ärztin deinen Namen. Du gehst hinein. Du setzt dich. Sie fragt, was sie für dich tun kann, und du öffnest den Mund. Und dann passiert etwas Seltsames. Die Wörter, die du wochenlang in der Schublade aufbewahrt hast, kommen heraus. Zögernd, leise, ein bisschen taumelnd, aber sie kommen.
Sie nickt. Sie schreibt etwas auf. Sie sagt: „Ah ja, das ist sehr häufig.”
Sehr häufig.
Du siehst sie an. Sie meint das ernst. Sie schaut nicht verstört. Sie schaut nicht überrascht. Sie schaut wie jemand, dem man gerade gesagt hat, es regnet draußen, und der antwortet: „Ja, der Wetterbericht hatte das angekündigt.”
Sehr häufig. Du bist kein Kuriosum. Du bist keine Anomalie. Du bist ein Mensch.
Was meistens dahintersteckt (und warum es fast immer harmlos ist)
Pruritus ani, also der anale Juckreiz, betrifft schätzungsweise einen von fünf Menschen im Laufe seines Lebens. Das ist zwanzig Prozent. Das sind, statistisch gesehen, zwei von den zehn Menschen, mit denen du heute gesprochen hast. Vielleicht du selbst. Wahrscheinlich du selbst, sonst würdest du das hier nicht lesen.
Die häufigsten Ursachen sind so banal, dass man weinen möchte, vor Erleichterung oder vor Lachen, wahrscheinlich beides. Zu feuchte Haut. Zu trockene Haut. Zu aggressives Reinigen. Zu wenig Reinigen. Bestimmte Lebensmittel wie Kaffee, Tomaten, Schokolade, scharfe Sachen (ja, der Kaffee auch, es tut uns leid). Hämorrhoiden, die so häufig sind, dass man sie schon fast als Volkssport bezeichnen könnte. Hautentzündungen. Allergien auf Waschmittel oder Toilettenpapier. Ein bisschen übertriebener Hygieneeifer, der das Gegenteil von dem erreicht, was er erreichen will.
„Wir kämpfen so hart gegen unseren Körper, weil wir vergessen haben, dass wir er sind.” (Unbekannt)
Die meisten dieser Dinge lassen sich behandeln. Die meisten dieser Dinge verschwinden. Die meisten dieser Dinge sind kein Zeichen von irgendetwas Dramatischem, kein Symbol, keine Strafe, kein Hinweis auf ein verborgenes Schicksal.
Und doch. Du hast Wochen geschwiegen.
Das Schweigen und was es kostet
Hier wird es ernst, also pass auf.
Das Schweigen über den Körper kostet uns etwas. Es kostet uns Zeit, in der wir uns hätten behandeln lassen können. Es kostet uns Nächte, in denen wir nicht schlafen, weil wir uns Sorgen machen, die wir nicht aussprechen. Es kostet uns die merkwürdige, stille Qual, etwas Kleines für etwas Großes zu halten, weil wir niemanden fragen und also nie erfahren, dass es klein ist.
Wir haben gelernt, bestimmte Körperteile aus unserem Bewusstsein zu verbannen. Als würde der Körper nur bis zu einem gewissen Punkt existieren und dann aufhören. Als hätten wir ein offizielles Territorium und ein inoffizielles. Das offizielle zeigen wir beim Arzt. Das inoffizielle liegt in der Schublade.
Aber der Körper macht diese Unterscheidung nicht. Für den Körper ist alles gleich wichtig. Der Körper schickt keine Hierarchie. Er schickt nur Signale.
Das Jucken ist ein Signal. Es sagt: Kümmere dich um mich. Ich existiere. Ich bin real. Ich bin von Bedeutung, auch wenn niemand darüber spricht.
Kleine Anleitung zur Würde
Also. Was tust du jetzt?
Erstens: Du atmest aus. Du hast das schon getan, glaube ich, irgendwo zwischen dem zweiten und dem dritten Absatz. Gut.
Zweitens: Du erkennst, dass das, was du hattest oder hast oder gelegentlich haben wirst, ein völlig normaler Teil des menschlichen Körpererlebens ist. Kein Drama. Kein Skandal. Kein Anlass zur Scham.
Drittens, und das ist der schwierige Teil: Du gehst zum Arzt, wenn es anhält. Nicht nach drei Monaten. Nicht nach dem zweiten Buch über Naturheilkunde. Nicht nachdem du fünf Stunden auf medizinischen Websites verbracht hast, die dir alle gleichzeitig mitteilen, es könnte ein Jucken sein oder auch das Ende der bekannten Welt. Du gehst einfach hin.
„Es braucht mehr Mut, Hilfe zu holen, als so zu tun als ob.” (Unbekannt)
Viertens: Du isst vielleicht etwas weniger Kaffee und Tomaten und Schokolade. Oder du isst sie weiter und weißt wenigstens, warum du juckst. Beides ist eine Form von Selbstkenntnis.
Fünftens: Du sagst es vielleicht irgendwann jemandem. Nicht als Geständnis. Nicht als Skandal. Als das, was es ist: eine kleine Geschichte über den Körper, der sich meldet. Eine kleine Geschichte, die fast jeder kennt und die fast niemand erzählt.
Was der Körper eigentlich sagt
Stell dir vor, der Körper könnte sprechen. Nicht durch Schmerzen oder Jucken oder die kleinen Katastrophen der Biologie, sondern direkt, mit Worten, am Küchentisch.
Was würde er sagen?
Ich glaube, er würde sagen: Ich tue, was ich kann. Ich verarbeite alles, was du isst, alles, was du erlebst, alles, was du nicht schläfst und nicht redest und nicht loslässt. Ich tue das ohne Unterbrechung, ohne Urlaub, ohne Pause, seit du auf der Welt bist. Gelegentlich juckt es. Das ist keine Niederlage. Das ist Biologie. Das ist normal. Das bin ich.
Und dann würde er vielleicht noch sagen: Könntest du, wenn du mal Zeit hast, ein bisschen weniger Kaffee trinken?
„Der Körper erinnert sich an alles. Auch an das, woran du nicht denken willst.” (Frei nach Bessel van der Kolk)
Zum Schluss, weil alles einen Schluss braucht
Du wirst diesen Text lesen und vielleicht lachen. Vielleicht ein bisschen zu laut, weil du erkannt hast, dass er über dich handelt. Das ist okay. Das Lachen ist erlaubt. Das Lachen ist sogar gut.
Du wirst diesen Text lesen und vielleicht zum ersten Mal seit Wochen aufhören, dir Sorgen zu machen. Das ist auch okay. Das ist eigentlich der Punkt.
Du wirst diesen Text vielleicht jemandem schicken, dem du sagst: „Hab das gelesen, interessant.” Und was du meinst, ist: „Ich auch. Ich auch. Ich auch.”
Das menschliche Leben ist voller kleiner, hartnäckiger Geheimnisse, die eigentlich keine sind. Voller Dinge, die wir schweigend tragen, obwohl sie so leicht wären, wenn wir sie nur sagen würden. Voller Körper, die sich melden, und Münder, die schweigen, und Nächte, die länger sind als nötig, weil niemand angefangen hat zu reden.
Der Körper ist kein fremdes Land. Er ist das Land, in dem du wohnst. Kümmere dich um ihn. Hör ihm zu. Und wenn er juckt, dann behandle ihn, nicht als Skandal, nicht als Strafe, sondern als das, was er ist: ein Lebewesen, das dein Freund ist, seit dem ersten Tag.
Du bist nicht allein damit.
Du warst es nie.
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Ja, is so... 😁
Grade wollte ich noch schreiben, mensch, was machstn du dir für n starken Kaffee, dass man den gleich kauen muss... 😅🤭😘🤭😅
😅👍