Lavendelverrat
Meine Therapeutin sagte, schreib auf, wofür du dankbar bist, und ich schrieb: für das Feuer, das dieses Tagebuch eines Tages fressen wird, für den Rauch, der daraus aufsteigt, und für die Wahrheit.
Du hast gelogen.
Heute Morgen, gestern Morgen, vorgestern Morgen, du hast gelogen, und du weißt es, und ich weiß es, und die Wände deiner Wohnung wissen es, und die Spinne in der Ecke deines Badezimmers, die du nicht tötest, weil du glaubst, dass das Karma ist, obwohl du nicht wirklich an Karma glaubst, auch diese Spinne weiß es.
Du hast dein Notizbuch aufgeschlagen, dieses hübsche kleine Ding mit dem Einband, der aussieht wie etwas, das man in einer Serie über erfolgreiche Frauen sehen würde, Frauen mit guten Frisuren und Zimmerpflanzen, die nicht sterben, und du hast geschrieben:
Ich bin dankbar für meinen Körper, der mich durch den Tag trägt.
Und während du es geschrieben hast, hast du an deine Oberschenkel gedacht, wie sie aneinander reiben, und du hast sie gehasst, und du hast dich gehasst für das Hassen, und dann hast du weitergeschrieben, weil das Notizbuch noch zwei leere Zeilen hatte, und leere Zeilen sind Forderungen, leere Zeilen sind Schulden, die beglichen werden müssen.
Ich nenne das die Morgenübelkeit der Seele.
Ich möchte, dass du dir etwas vorstellst.
Stell dir vor, du bist ein Haus.
Nicht metaphorisch. Buchstäblich. Du bist ein Haus mit Zimmern und Fenstern und einer Tür, die klemmt, wenn es regnet, und einem Keller, in den du nie gehst, weil dort unten Dinge sind, an die du dich nicht erinnern willst.
Und jeden Morgen kommt jemand vorbei und klebt ein Post-it an deine Tür.
Auf dem Post-it steht: DIESES HAUS IST SCHÖN.
Und am nächsten Morgen kommt wieder jemand vorbei und klebt ein weiteres Post-it daneben: DIESES HAUS HAT GUTES LICHT.
Und am nächsten Morgen: DIESES HAUS STEHT STABIL.
Und nach einer Weile ist deine ganze Tür voller Post-its, und du kannst sie nicht mehr öffnen, weil so viel Papier darauf klebt, so viele Behauptungen, so viele Affirmationen, und du stehst drinnen, in deinem eigenen Haus, und du erstickst langsam, weil niemand mehr rein oder raus kann, weil die Dankbarkeit alle Türen versiegelt hat.
Das ist es, was du dir selbst antust.
Jeden Morgen.
Mit deinem hübschen kleinen Notizbuch.
Ich habe letzte Woche mit einer Frau gesprochen, die dreiunddreißig Dankbarkeitsjournale vollgeschrieben hat.
Dreiunddreißig.
Ich habe gefragt: Bist du glücklicher geworden?
Sie hat mich angesehen, und in ihren Augen war etwas, das ich kenne, weil ich es in meinen eigenen Augen gesehen habe, im Spiegel, morgens, wenn das Licht noch grau ist und die Welt noch nicht angefangen hat, Dinge von mir zu verlangen.
Sie hat gesagt: Ich weiß nicht mehr, was Glück ist.
Und dann hat sie angefangen zu weinen.
Und ich habe sie nicht getröstet.
Ich habe sie einfach weinen lassen.
Weil Weinen manchmal das Ehrlichste ist, was ein Mensch tun kann.
Weil Tränen keine Lügen sind.
Weil Tränen nicht aufgeschrieben werden in hübschen Notizbüchern mit Einbänden, die aussehen wie etwas, das man in einer Serie über erfolgreiche Frauen sehen würde.
Hier ist meine These, und sie wird dich vielleicht wütend machen, und das ist gut, weil Wut bedeutet, dass du noch lebst, dass noch etwas in dir ist, das sich wehrt:
Dankbarkeitsjournale sind Werkzeuge der Selbstkolonisierung.
Sie sind Instrumente, mit denen du lernst, deine eigenen Gefühle zu besetzen wie fremdes Territorium.
Sie sind Waffen, die du gegen dich selbst richtest, lächelnd, mit einem Stift in der Hand, der nach Lavendel riecht, weil Lavendel beruhigend ist, weil Lavendel dich daran hindert zu bemerken, dass du dich gerade selbst verrätst.
Lass mich dir eine andere Geschichte erzählen.
Es war ein Sonntag, und Sonntage haben diese Qualität, die ich nicht beschreiben kann, aber du kennst sie, du kennst sie genau, diese Qualität von etwas, das bald endet, von etwas, das sich bereits verabschiedet, bevor es richtig angefangen hat.
Ich saß in einem Café, einem von diesen Cafés, in denen alles aus Holz ist und alle MacBooks haben und niemand laut spricht, weil lautes Sprechen nicht zur Ästhetik passt, und am Tisch neben mir saß eine Frau.
Sie war vielleicht vierundzwanzig, vielleicht achtundzwanzig, das Alter, in dem man anfängt zu ahnen, dass das Leben nicht so ablaufen wird, wie man es sich vorgestellt hat, aber noch nicht alt genug, um diese Ahnung zu akzeptieren.
Vor ihr lag ein Dankbarkeitstagebuch.
Ich konnte den Titel lesen, weil sie es so hingelegt hatte, dass man den Titel lesen konnte, und vielleicht war das Absicht, vielleicht wollte sie, dass Menschen sehen, dass sie der Typ Mensch ist, der Dankbarkeitstagebücher führt, der Typ Mensch, der sein Leben im Griff hat.
Sie saß da, den Stift in der Hand, und starrte auf die leere Seite.
Fünf Minuten.
Zehn Minuten.
Fünfzehn Minuten.
Und dann, endlich, schrieb sie etwas.
Ich konnte es nicht lesen, aber ich sah, wie ihr Gesicht sich veränderte, während sie schrieb. Wie sich etwas verschloss. Wie eine Tür zufiel. Wie ein Licht ausging.
Und dann klappte sie das Buch zu, und dann trank sie ihren Kaffee, und dann ging sie, und ich fragte mich, was sie wohl geschrieben hat, und ich fragte mich, ob es wahr war, und ich wusste, dass es nicht wahr war, weil Wahrheit nicht so aussieht.
Wahrheit sieht aus wie Chaos.
Wahrheit sieht aus wie Durchgestrichenes.
Wahrheit sieht aus wie Seiten, die herausgerissen und zerknüllt und in den Müll geworfen wurden, bevor man sie wieder herausfischt, weil man doch wissen will, was man geschrieben hat.
Wahrheit sieht nicht aus wie drei ordentliche Zeilen in einem Tagebuch mit Lavendelduft.
Du weißt, wovon ich spreche.
Du weißt es.
Tief in dir, an einem Ort, den die Dankbarkeitslisten nicht erreichen können, an einem Ort, der dunkel ist und feucht und voller Dinge, die atmen, weißt du es.
Du weißt, dass du lügst.
Du weißt, dass du jeden Morgen aufwachst und dich selbst betrügst.
Du weißt, dass du einen Vertrag unterschrieben hast mit einer Version von dir, die nicht existiert, einer besseren Version, einer dankbareren Version, einer Version, die niemals wütend ist und niemals traurig und niemals so müde, dass sie den ganzen Tag im Bett liegen bleiben möchte, die Decke über den Kopf gezogen, während draußen das Leben weitergeht ohne sie.
Und du hast diesen Vertrag unterschrieben, weil dir jemand gesagt hat, dass es hilft.
Weil dir jemand gesagt hat, dass Dankbarkeit die Antwort ist.
Weil dir jemand gesagt hat, dass glückliche Menschen Dankbarkeitsjournale führen, und du wolltest glücklich sein, du wolltest so verzweifelt glücklich sein, und also hast du das Tagebuch gekauft und angefangen zu schreiben, und jetzt, achtzehn Monate später, zwölf Monate später, sechs Wochen später, sitzt du hier und liest diese Worte und fragst dich, warum es nicht funktioniert hat.
Warum du immer noch müde bist.
Warum du immer noch traurig bist.
Warum du immer noch dieses Loch in dir hast, das keine Liste füllen kann.
Ich werde dir jetzt sagen, warum es nicht funktioniert hat.
Und es wird dir nicht gefallen.
Es hat nicht funktioniert, weil Dankbarkeit keine Technik ist.
Dankbarkeit ist kein Hack.
Dankbarkeit ist keine Methode, die man lernen kann wie eine Fremdsprache oder wie Kochen oder wie diese Atemübung, die angeblich Panikattacken stoppt, aber eigentlich nur dazu führt, dass du hyperventilierst und dann eine Panikattacke bekommst, weil du hyperventilierst.
Dankbarkeit ist ein Zustand.
Und Zustände kann man nicht erzwingen.
Man kann nicht beschließen, verliebt zu sein.
Man kann nicht beschließen, hungrig zu sein.
Man kann nicht beschließen, müde zu sein.
Man kann nicht beschließen, dankbar zu sein.
Man kann nur die Bedingungen schaffen, unter denen diese Zustände entstehen können.
Und die Bedingung für Dankbarkeit ist nicht ein hübsches Notizbuch.
Die Bedingung für Dankbarkeit ist Ehrlichkeit.
Jetzt kommt der Teil, der dich vielleicht rettet.
Oder auch nicht.
Ich kann dir nichts versprechen.
Ich bin kein Guru.
Ich bin kein Coach.
Ich bin nur eine Frau, die einmal geglaubt hat, dass sie ihr Leben reparieren kann, wenn sie nur genug Listen schreibt, und die dann eines Morgens aufgewacht ist und gemerkt hat, dass sie sich in den Listen verloren hat, dass sie nicht mehr wusste, wer sie ist ohne die Listen, dass sie zu einer Maschine geworden ist, die Dankbarkeiten produziert wie eine Fabrik.
Also hier ist, was ich getan habe.
Es ist keine Methode.
Es ist keine Technik.
Es ist einfach das, was passiert ist.
Ich habe das Tagebuch genommen, und ich habe es aufgeschlagen, und ich habe eine leere Seite gefunden, eine von diesen Seiten, die noch nie beschrieben wurden, eine jungfräuliche Seite, wenn man so will, eine Seite, die noch nie angelogen wurde.
Und ich habe geschrieben:
Ich bin nicht dankbar.
Das war alles.
Drei Worte.
Ich bin nicht dankbar.
Und dann bin ich sitzengeblieben und habe auf diese drei Worte gestarrt, und etwas Seltsames ist passiert.
Ich habe angefangen zu atmen.
Richtig zu atmen.
Nicht diese flachen kleinen Atemzüge, die man macht, wenn man versucht, keinen Platz einzunehmen, wenn man versucht, unsichtbar zu sein, wenn man versucht, so wenig Raum wie möglich zu beanspruchen.
Sondern tiefe, volle Atemzüge.
Atemzüge, die bis in meinen Bauch gingen.
Atemzüge, die sagten: Ich bin hier. Ich existiere. Ich nehme Raum ein.
Und dann habe ich weitergeschrieben.
Ich bin nicht dankbar für meinen Körper. Mein Körper tut mir weh. Meine Knie knarzen, wenn ich Treppen steige. Mein Rücken schmerzt, wenn ich zu lange sitze. Ich bin siebenundzwanzig Jahre alt und fühle mich wie siebzig. Das ist die Wahrheit. Das ist meine Wahrheit. Und ich muss nicht so tun, als wäre ich dankbar für etwas, das mir Schmerzen bereitet.
Ich bin nicht dankbar für meinen Job. Mein Job ist langweilig. Mein Job nimmt mir Zeit, die ich nicht zurückbekomme. Mein Job bezahlt mich gerade genug, um zu überleben, aber nicht genug, um zu leben. Das ist die Wahrheit. Das ist meine Wahrheit.
Ich bin nicht dankbar für diesen Tag. Dieser Tag ist grau und kalt und ich will ihn nicht. Ich will im Bett bleiben. Ich will, dass jemand anderes heute für mich lebt. Das ist die Wahrheit. Das ist meine Wahrheit.
Und nachdem ich das alles aufgeschrieben hatte, nachdem ich all die Dinge geschrieben hatte, für die ich nicht dankbar bin, passierte etwas, das ich nicht erwartet hatte.
Ich fühlte mich erleichtert.
Nicht glücklich.
Nicht dankbar.
Erleichtert.
Als hätte ich einen Rucksack abgelegt, den ich so lange getragen hatte, dass ich vergessen hatte, dass er da war. Als hätte ich eine Tür geöffnet in einem Raum, der so lange verschlossen war, dass ich vergessen hatte, dass er existiert.
Und in dieser Erleichterung, in diesem Moment des Aufatmens, passierte etwas noch Seltsameres.
Ich bemerkte die Sonne.
Sie schien durch mein Fenster, wie sie jeden Morgen scheint, aber diesmal sah ich sie wirklich. Ich sah, wie sie Muster auf den Boden zeichnete, goldene Streifen auf dem Holz, und ich dachte: Das ist schön.
Nicht: Ich bin dankbar für das Sonnenlicht.
Sondern einfach: Das ist schön.
Und das war der Unterschied.
Das war der ganze Unterschied.
Dankbarkeit, echte Dankbarkeit, ist nicht etwas, das du produzierst.
Es ist etwas, das passiert, wenn du aufhörst zu produzieren.
Wenn du aufhörst zu leisten.
Wenn du aufhörst, dich selbst zu bewerten.
Wenn du aufhörst, dein Leben in Kategorien einzuteilen: Dinge, für die ich dankbar bin, und Dinge, die ich ändern muss.
Echte Dankbarkeit ist der Moment, in dem du plötzlich bemerkst, dass der Kaffee in deiner Tasse noch warm ist.
Nicht weil du dir selbst sagst, dass du dankbar sein sollst für warmen Kaffee.
Sondern weil du den warmen Kaffee tatsächlich fühlst, in deinen Händen, die Wärme, die durch die Keramik dringt, und du denkst: Oh. Das fühlt sich gut an.
Ohne Agenda.
Ohne Hintergedanken.
Ohne das Gefühl, dass du diese Empfindung aufschreiben musst, um sie zu validieren.
Ich möchte dir jetzt etwas sehr Wichtiges sagen.
Etwas, das mir niemand gesagt hat, und das ich selbst herausfinden musste, auf die harte Tour, durch Versagen und Verzweiflung und Nächte, in denen ich wach lag und mich fragte, was mit mir nicht stimmt.
Du musst nicht heilen.
Du musst nicht optimiert werden.
Du musst nicht repariert werden.
Du musst nicht zur besten Version deiner selbst werden.
Du musst nicht aufwachen und dich fragen, welche drei Dinge du heute tun kannst, um produktiver zu sein, gesünder zu sein, dankbarer zu sein.
Du darfst einfach sein.
Kaputt und verwirrend und widersprüchlich und manchmal glücklich und manchmal traurig und meistens irgendwo dazwischen.
Das ist nicht ein Problem, das gelöst werden muss.
Das ist ein Leben, das gelebt werden will.
Zurück zu der Frau im Café.
Ich habe sie nie wiedergesehen.
Aber ich denke oft an sie.
Ich denke an ihr Gesicht, während sie in ihr Tagebuch geschrieben hat. Ich denke an die Art, wie sich ihre Schultern nach vorne gebeugt haben, als würde sie versuchen, sich kleiner zu machen, als würde sie versuchen zu verschwinden.
Ich denke an all die Frauen, die ich kenne, die jeden Morgen aufwachen und versuchen zu verschwinden. Die versuchen, ihre eigenen Gefühle auszuradieren und durch bessere Gefühle zu ersetzen. Die versuchen, ihre Wut zu überschreiben mit Dankbarkeit, ihre Trauer mit Positivität, ihre Erschöpfung mit Motivation.
Und ich möchte ihnen allen sagen: Hör auf.
Hör auf, dich selbst auszuradieren.
Du bist nicht das Problem.
Das System ist das Problem.
Die Idee, dass du repariert werden musst, ist das Problem.
Die Industrie, die dir Tagebücher und Apps und Kurse verkauft und dir sagt, dass du kaputt bist und nur sie dich heilen können, ist das Problem.
Du bist in Ordnung.
Genau so, wie du bist.
Mit deiner Wut und deiner Trauer und deiner Erschöpfung.
Das sind keine Symptome.
Das sind Signale.
Und wenn du aufhörst, sie zu unterdrücken, wenn du aufhörst, sie zu überschreiben, dann wirst du vielleicht anfangen zu hören, was sie dir sagen.
Meine Wut sagt mir: Etwas ist ungerecht.
Meine Trauer sagt mir: Etwas wurde verloren.
Meine Erschöpfung sagt mir: Ich brauche Ruhe.
Das sind keine Probleme.
Das sind Informationen.
Und wenn ich diese Informationen ignoriere, wenn ich sie überschreibe mit hübschen kleinen Sätzen in einem hübschen kleinen Tagebuch, dann verliere ich den Kontakt zu mir selbst.
Dann werde ich taub.
Dann werde ich zu einer Funktion.
Zu einer Maschine, die Dankbarkeiten produziert.
Und Maschinen sind nicht glücklich.
Maschinen funktionieren nur.
Hier ist, was ich heute Morgen getan habe.
Ich bin aufgewacht, und ich habe nicht zu meinem Tagebuch gegriffen.
Ich bin aufgewacht, und ich habe dagelegen, und ich habe an die Decke gestarrt.
Die Decke hat einen Riss.
Ich habe diesen Riss noch nie bemerkt, obwohl ich seit drei Jahren in dieser Wohnung lebe.
Er sieht aus wie ein Fluss.
Wie eine Landkarte von einem Ort, der nicht existiert.
Und ich habe gedacht: Wie schön. Wie seltsam und schön.
Nicht: Ich bin dankbar für die Decke.
Sondern einfach: Wie seltsam und schön diese Welt ist, in der Risse wie Flüsse aussehen und Decken wie Landkarten und alles bedeutet, was du willst, dass es bedeutet.
Und dann bin ich aufgestanden.
Und dann habe ich Kaffee gemacht.
Und dann habe ich aus dem Fenster geschaut.
Und ich habe nichts aufgeschrieben.
Und es war gut.
Es war so gut.
Du fragst dich vielleicht, was du jetzt tun sollst.
Du fragst dich vielleicht, was der praktische Rat ist, die Übung, die Technik.
Und ich muss dich enttäuschen.
Es gibt keinen praktischen Rat.
Es gibt keine Übung.
Es gibt keine Technik.
Es gibt nur das hier:
Leg das Tagebuch weg.
Nur für heute.
Nur für diesen einen Tag.
Und schau, was passiert.
Schau, was passiert, wenn du aufhörst, dich selbst zu vermessen.
Schau, was passiert, wenn du aufhörst, dein Glück zu quantifizieren.
Schau, was passiert, wenn du einfach da bist, ohne Agenda, ohne Plan, ohne die Absicht, ein besserer Mensch zu werden.
Vielleicht passiert nichts.
Vielleicht fühlst du dich genauso wie vorher.
Oder vielleicht, nur vielleicht, fühlst du etwas.
Etwas, das keine Worte hat.
Etwas, das in keine Liste passt.
Etwas, das nur dir gehört.
Ich bin jetzt am Ende angelangt.
Nicht am Ende der Geschichte.
Am Ende von dem, was ich dir geben kann.
Alles andere liegt bei dir.
Du kannst diesen Text lesen und denken: Was für ein Unsinn. Du kannst dein Dankbarkeitstagebuch aufschlagen und weitermachen wie bisher. Du kannst mich für verrückt erklären, für verbittert, für eine, die es nicht geschafft hat.
Oder du kannst einen Moment innehalten.
Nur einen Moment.
Und dich fragen: Was würde passieren, wenn ich mir erlaube, nicht dankbar zu sein?
Was würde passieren, wenn ich mir erlaube, wütend zu sein?
Was würde passieren, wenn ich aufhöre, mich selbst zu belügen?
Die Antwort kenne ich nicht.
Ich kenne nur meine eigene Antwort.
Und meine eigene Antwort ist: Freiheit.
Eine seltsame, unordentliche, chaotische Freiheit.
Eine Freiheit, die sich manchmal wie Fallen anfühlt.
Aber ein Fallen in etwas Weiches.
In etwas, das mich auffängt.
In mich selbst.
Der Riss in meiner Decke ist immer noch da.
Er wird größer werden, wahrscheinlich.
Eines Tages wird vielleicht die ganze Decke herunterkommen.
Aber heute nicht.
Heute ist er einfach nur ein Riss.
Ein Fluss.
Eine Landkarte.
Ein Zeichen dafür, dass Dinge sich verändern.
Dass nichts bleibt.
Dass alles in Bewegung ist.
Auch ich.
Auch du.
Auch dieser Text, der jetzt endet, aber in deinem Kopf weiterleben wird, vielleicht, für eine Weile, bis er verblasst wie alle Dinge verblassen, und dann wird er weg sein, und du wirst weiterleben, und das ist gut so.
Das ist richtig so.
Das ist alles, was es gibt.
Wenn dich dieser Text begleitet oder berührt hat kannst du mir hier einen Kaffee ☕ dalassen.




















