Beides. Und außerdem.
Ein Essay über Intersektionalität, Körper und die seltsame Wahrheit, dass niemand nur eine Sache ist. Für alle, die an zwei Orten gleichzeitig stehen Für die, die in Kategorien nicht hineinpassen.
Vorwort
Man sagt, der Verstand sei ein Haus. Ich glaube, er ist eher ein Markt, auf dem alle gleichzeitig schreien. Dieser Text ist kein Argument. Er ist ein Fenster, das jemand aufgestoßen hat, als du gerade nicht hingeschaut hast. Du wirst darin Gesichter erkennen. Vielleicht deins. Vielleicht das der Frau, die neben dir in der U-Bahn saß und deren Name du nie erfahren hast. Lies ihn so, wie man eine fremde Handschrift liest: langsam, mit leicht geöffnetem Mund.
Es beginnt, wie vieles beginnt, mit einem Körper.
Einem Körper, der morgens aufwacht und der Welt ein Angebot macht. Und die Welt schaut diesen Körper an und sagt: nein danke, wir haben schon einen. Wir haben schon das Richtige. Das Passende. Das Normale.
Du kennst dieses Gefühl. Vielleicht nicht täglich. Vielleicht nur einmal, auf einem Amt, in einem Meeting, auf einer Party, auf der du der einzige warst, der aussah wie du, sprach wie du, existierte wie du. Dieses kurze Zucken, dieses innere Straucheln. Als würde die Welt kurz ihre Maske verrutschen lassen.
Stell dir vor, dieses Zucken wäre kein gelegentlicher Gast. Sondern die Luft selbst.
Die Frau, die zwei Dinge gleichzeitig war
Kimberlé Crenshaw war Juristin. Sie saß in einem Raum voller Gesetze und merkte, dass Gesetze Körper nicht gut lesen können. Gesetze lesen Kategorien. Schwarz. Frau. Arm. Krank. Aber was, wenn du mehreres davon gleichzeitig bist? Was, wenn du an der Kreuzung stehst, wo zwei Straßen aufeinandertreffen, und die Autos kommen von beiden Seiten?
Sie nannte das Intersektionalität.
Ein Wort wie ein Röntgenbild. Es zeigt dir das Skelett unter der Haut der Gesellschaft. Die Stellen, wo Knochen gebrochen sind und falsch zusammengewachsen.
„Intersektionalität ist ein Linsenrahmen, der die Art beleuchtet, wie verschiedene Aspekte der sozialen und politischen Identität einer Person kombiniert werden können, um einzigartige Modi der Diskriminierung und des Privilegs zu schaffen.” (Kimberlé Crenshaw)
Eine schwarze Frau, die bei General Motors diskriminiert wird, klagt an. Das Gericht sagt: Es gibt schwarze Männer, die hier arbeiten. Also kein Rassismus. Es gibt weiße Frauen, die hier arbeiten. Also kein Sexismus. Die schwarze Frau steht zwischen den Kategorien und ist für das Recht unsichtbar. Sie existiert im Spalt.
Das ist nicht abstrakt. Das ist jemandes Montag.
Der Mainstream riecht nach Vanille
Es gibt einen Feminismus, der in Hochglanzmagazinen wohnt. Der Sätze sagt wie: Frauen an die Macht. Lean in. Glaube an dich. Und das ist nicht falsch. Das ist nur unvollständig. Wie eine Landkarte, auf der die Hälfte der Straßen fehlt.
Dieser Feminismus hat lange eine Frau im Kopf gehabt. Weiß. Mittelstand. Verheiratet, oder frisch geschieden, mit einer Eigentumswohnung und einem Therapeuten, den sie sich leisten kann. Ihre Probleme sind real. Aber sie sind nicht die einzigen.
Die Reinigungskraft, die das Büro putzt, in dem die Chefin sitzt, die gerade über weibliche Empowerment spricht, hat andere Koordinaten. Die Frau mit Behinderung, die sich durch Räume kämpft, die nicht für sie gebaut wurden. Die queere Frau of Color, die in jedem Raum dreifach fremd ist.
„Der Herrenhaus-Feminismus war nie für uns.” (Audre Lorde)
Das ist kein Vorwurf. Das ist eine Einladung. Eine Erweiterung. Der Feminismus, der alle befreit, muss auch unbequem sein. Muss an Orten sitzen, die nicht klimatisiert sind.
Du weißt das eigentlich schon. Irgendwo wusstest du es immer.
Was Achsen sind und warum sie wehtun
Stell dir Ungleichheit nicht als Leiter vor. Stell sie dir als Koordinatensystem vor. Du stehst irgendwo in diesem System. Nicht oben. Nicht unten. Irgendwo. Und deine Position ist das Ergebnis mehrerer Achsen gleichzeitig.
Klasse. Rasse. Geschlecht. Sexualität. Körper. Religion. Herkunft. Alter. Sprache.
Jede Achse hat eine Richtung, in der sie drückt. Manchmal drücken mehrere gleichzeitig in dieselbe Richtung. Dann wird es eng. Sehr eng. So eng, dass Atmen eine politische Handlung ist.
Jenny Offill hat einmal geschrieben: Man lebt sein Leben und dann gibt es das andere Leben, das man auch führt, das man nie wählen würde. Das klingt nach Privatleben. Aber es ist auch das politische Leben eines Körpers, der in einer Welt existiert, die ihn nicht eingeladen hat.
Das Seltsame, das man niemandem erklärt: Privilegien sind auch Achsen. Auch wer in einer Richtung drückt, drückt in alle anderen. Du bist nicht einfach Täter oder Opfer. Du bist beides, auf verschiedenen Achsen, zu verschiedenen Zeiten. Das macht es menschlich. Das macht es kompliziert. Das macht es unmöglich, einfache Gegner zu haben.
Die Stadt, die ich bewohne
Stell dir eine Stadt vor. Du bist in dieser Stadt aufgewachsen. Du kennst ihre Straßen.
Jetzt stell dir vor, diese Stadt hat Straßen, die du nie gesehen hast, weil du nie einen Grund hattest, dort entlangzugehen. Straßen, auf denen andere Menschen täglich laufen und täglich stolpern, weil der Asphalt nicht erneuert wird, weil die Ampeln nicht für sie schalten, weil niemand ihre Namen auf die Karten schreibt.
Intersektionalität ist Kartografie. Das Vermessen einer Welt, in der manche Körper als Straßen behandelt werden, über die man geht, ohne nachzudenken.
„Ich bin kein freier Mann. Ich bin ein Mensch auf der Suche nach Freiheit in einer Welt, die Freiheit verschieden definiert, je nachdem, wen sie ansieht.” (James Baldwin)
Die Frage ist nicht: Bist du betroffen?
Die Frage ist: Welchen Teil der Karte siehst du nicht?
Und das ist keine Beschuldigung. Das ist eine Einladung, die Karte zu falten, zu öffnen, zu erweitern. Das ist die Arbeit. Die stille, lebenslange Arbeit, die nicht mit einem Like endet.
Was passiert, wenn man alles gleichzeitig ist
Es gibt Menschen, die mir erzählt haben, wie es sich anfühlt, mehrfach fremd zu sein.
Nicht dramatisch. Nicht mit Fanfaren.
Es fühlt sich an wie: In einer Gruppe sein, die für dich kämpft, aber nicht sieht, wie sie dich gleichzeitig unsichtbar macht. Feministinnen, die vergessen, dass Rassismus auch Frauen trifft. Antirassisten, die vergessen, dass Sexismus auch in ihrer Bewegung lebt. Queer-Aktivisten, die Behinderung nicht mitdenken. Und immer diese müde Erklärungsarbeit: Ich bin nicht nur das. Ich bin auch das. Ich bin das gleichzeitig.
Clarice Lispector hat einen Charakter beschrieben, der in einem Moment die Wahrheit berührt und dann wieder loslässt, weil die Wahrheit zu heiß ist. So ist das mit Intersektionalität. Du berührst sie kurz. Du verstehst sie kurz. Dann ist wieder Alltag.
Aber der Alltag verändert sich, wenn du weißt, was du berührt hast.
„Privilegien bedeutet nicht, dass dein Leben einfach ist. Es bedeutet nur, dass deine Schwierigkeiten nicht von deiner Identität verursacht werden.” (Unbekannte Quelle, in einem Gespräch aufgeschnappt, auf keiner Konferenz, sondern auf einem Bahnsteig)
Das Bild, das wir malen
Ich denke manchmal, echte Gleichstellung sieht aus wie ein Gemälde, das noch niemand gemalt hat.
Nicht weil es unmöglich ist. Sondern weil wir immer nur einen Teil des Pinsels benutzt haben.
Der Mainstream-Feminismus hat einen Strich gemacht, einen kräftigen, wichtigen. Die Bürgerrechtsbewegung einen anderen. Die queere Bewegung einen anderen. Die Disability Justice Bewegung einen anderen. Aber das Bild, das entsteht, wenn man sie alle zusammenbringt, das haben wir noch nie gesehen. Wir sind gerade dabei, es zu malen.
Rilke hat an seinen jungen Dichter geschrieben: Sei geduldig gegenüber allem Ungelösten in deinem Herzen und versuche, die Fragen selbst zu lieben. Das klingt nach Passivität. Ist es nicht. Es ist die tiefste Aktivität. Die Bereitschaft, in der Komplexität zu sitzen, ohne sie zu vereinfachen, um sich zu schützen.
Die Vereinfachung schützt dich. Aber sie schützt auch die Ungleichheit.
Warum das alles mit dir zu tun hat
Du hast diesen Text nicht gelesen, weil du ein Seminar belegen willst. Du hast ihn gelesen, weil etwas in dir weiß, dass die Welt schiefer ist, als sie zugibt. Weil du irgendwann in deinem Leben an einer Kreuzung gestanden hast, auf der keiner anhielt.
Vielleicht warst du die schwarze Frau bei General Motors. Vielleicht warst du die weiße Feministin, die es nicht sah. Vielleicht warst du beides, zu verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Räumen.
Das macht dich nicht böse. Das macht dich menschlich. Und das ist der Ausgangspunkt.
Murakami hat eine Figur, die jeden Morgen aufwacht und entscheidet, ob die Welt real ist oder nicht. Sie entscheidet: real. Und dann geht sie raus und handelt danach. Das ist alles. Das ist genug.
Entscheide, dass die Kreuzungen real sind. Dann schau hin.
Was jetzt
Echte Gleichstellung ist keine Checkliste. Sie ist ein Modus. Eine Art, in die Welt zu schauen, die man einmal nicht mehr abstellen kann.
Sie ist unbequem. Sie macht aus dem einfachen Weg einen längeren. Sie bedeutet manchmal, in Räumen zuzuhören, in denen man selbst die Lauteste sein könnte und es nicht ist. Sie bedeutet, Fragen zu stellen, auf die man keine schönen Antworten bekommt.
Aber sie gibt auch etwas zurück.
Sie gibt dir die Welt in ihrer tatsächlichen Größe. Und die ist seltsamer, reicher, widersprüchlicher und schöner als die Version, die dir die einfache Geschichte erlaubt.
Du bist nicht nur eine Sache. Ich bin nicht nur eine Sache. Niemand ist nur eine Sache.
Das Gewebe, das uns trägt, ist aus allen Fäden gleichzeitig gewoben. Auch den dunklen. Auch den verfilzten. Auch den, den niemand zuerst sehen will.
Und wenn du anfängst, dieses Gewebe wirklich anzuschauen, nicht nur die glatte Seite, sondern auch die Rückseite mit den Knoten und den losen Enden und dem seltsamen Muster, das keinen Namen hat, dann passiert etwas Seltsames.
Du erkennst dich darin.
Wenn dich dieser Text begleitet oder berührt hat kannst du mir hier einen Kaffee ☕ dalassen.






Stimmt, gleichgestellt, gleichwertig klingt im ersten Moment gut, man fühlt sich zugehörig, gesehen… Aber beim genauen Hinsehen, Hinfühlen, Dabeisein, passt man wegen einem kleinen Detail dann doch nicht so richtig dazu…